Auf Schleichwegen nach Zürich

Gesenkten Hauptes und Groll im Herzen zogen die Kantonsregierungen von Wallis und Graubünden gen Bern, Das Ziel der eidgenössischen Pilgerschar: eine Audienz bei ihrem Bundesrat. Doch die Hoffnung auf das erlösende Wort aus Bern blieb unerfüllt: Auch in Wallis und Graubünden dürfen Ausländer keine Immobilien mehr erwerben.

Daß in manchen Kantonen sogar von Katastrophenstimmung gesprochen wird, kann die Schweizer Regierung nicht erweichen. Sie hält unerbittlich an ihren strengen Schutzbestimmungen gegen den Zufluß von Auslandskapital fest – auch wenn durch die Lokalpresse das Gespenst von Massenpleiten geistert. Denn Touristenzentren werden heutzutage in der Schweiz weitgehend vom Ausland finanziert.

Die Aversion der Berner Ministerialen gegen Konzessionen ist auch leicht zu erklären. Trotz strenger Abwehrmaßnahmen hört der Geldstrom aus dem Ausland nicht auf. Kurz nachdem die Schotten Ende Juni dicht gemacht wurden, mußte die Schweizerische Nationalbank eine runde Milliarde Dollar aufkaufen – und das innerhalb von 48 Stunden. Dabei sollte kein unerwünschter Dollar mehr in die Tresore der Schweizer Währungshüter gelangen ...

In monatelanger Kleinarbeit hatte die schweizerische Zentralbank bereits versucht, wenigstens einen Teil ihrer Dollarschätze wieder loszuwerden. Wer zum Beispiel eine Ausländsanleihe auflegte, mußte einen Teil des Betrages zu einem überhöhten Kurs in Dollar umtauschen. Und Kreditinstitute, die ihrer Notenbank Dollar abnahmen, wurden bei den Mindestreserven dafür belohnt: Ihnen wurde ein günstigerer Satz berechnet.

Doch kaum war die Währungsbank ein paar hundert Millionen Dollar losgeworden, da setzte der unerwartete Milliardenstrom ein – ungeachtet der sorgfältig aufgerichteten Dämme. Ein Teil dieser Riesensumme ging sicher auf die Aktivitäten einheimischer Banken zurück, die ihre traditionell umfangreichen Dollarguthaben teilweise repatriierten.

Doch die Ausländer hatten auch Schleichwege gefunden, um ihre Devisen ins gelobte Land des Schweizer Franken zu bringen. Dabei ist nicht einmal der Verdacht von der Hand zu weisen, daß Eidgenossen bei der Suche nach solchen unentdeckten Pfaden eifrig mitgeholfen haben.

Zwischen Basel und Lugano redet man nicht gern davon; aber alles spricht dafür, daß sich mancher Schweizer Staatsbürger als Strohmann für Umgehungsgeschäfte einspannen läßt. Das ist ausdrücklich verboten, und die Banken wollen angesichts der hohen Strafen von solchen Kontakten auch nichts wissen.

Auf Schleichwegen nach Zürich

Dem braven Bürger und Besitzer von Dollar oder anderen Devisen ist die Herkunft seiner Mittel. kaum nachzuweisen. Zudem bleibt es Schweizern nach wie vor gestattet, fremde Währungen aus dem Ausland in die Heimat zu transferieren und so in die begehrten Franken umzutauschen. Damit ist es für Ausländer eine lohnende Sache, einen bereitwilligen Schweizer zu seinen Freunden zu zählen.

Daß auch die Immobilienhändler in der Schweiz nicht bereit sind, auf ihre ausländischen Kunden zu verzichten, zeigt schon ein Blick in deutsche Tageszeitungen. Nach wie vor bieten sie Grundstücke und Eigentumswohnungen zu nicht ganz niedrigen Preisen an – fast so, als wäre nichts geschehen. Wenn die Sonnen- und Bergkantone auch Untergangsstimmung zur Schau tragen, so haben sie ihre Immobilienkundschaft nördlich von Rhein und Bodensee noch keineswegs verloren.

Oftmals behilft man sich mit Vorverträgen. Das erlaubt zum Beispiel den Baubeginn bei Eigentumswohnungen, die in ausländische Hände gehen sollen. Der endgültige Kaufvertrag wird erst bei Bauende unterschrieben – sofern die Restriktionen bis dahin gelockert werden. Notfalls kann aber auch hier ein Schweizer Strohmann einspringen, der die Verträge unterzeichnet und mit dem ausländischen Kunden private Abmachungen trifft.

Solche Geschäfte am Rande oder jenseits der Legalität haben jedoch offensichtlich ihre Grenzen. Manchem Ausländer sind die Schleichwege nach Helvetien letzten Endes doch zu riskant oder zumindest zu mühsam. Die Walliser und Bündner Bauunternehmer stöhnen nicht ganz ohne Grund. Die ersten Resultate der ausländischen Zurückhaltung sind bereits sichtbar: In modernen Wohnsilos finden Appartements neuerdings nur noch schleppend Abnehmer, gelegentlich wird die Arbeit an Großbaustellen einfach eingestellt. Allerdings scheint hier der generelle Baustopp am Ausbleiben der Auslandsinteressenten mit schuld zu sein.

Auch die Börsianer, um Tricks nie verlegen, tragen ihren Teil zum Devisenstrom bei. Sie machten aus der Not eine Tugend und erklärten Paris zum Exil für Schweizer Wertpapiere. Niemand kann nämlich einem Eidgenossen verbieten, einem Ausländer Aktien schweizerischer Unternehmen zu verkaufen. So sind zum Beispiel Nestlé-, Alusuisse- und Ciba-Aktien in- und außerhalb der Pariser Börse gesuchte Papiere, für die Ausländer bereitwillig einen beachtlichen Aufschlag berappen.

Wer solche Wertpapiere verkauft (sei er Schweizer oder nicht), der kann jederzeit neue Schweizer Effekten erstehen – und sie erneut mit Gewinn veräußern. Auch wenn die Banken in Zürich, Basel und Genf ihre Dienste für solche Geschäfte nicht anbieten, blüht der Handel. Denn auf diesem Wege kann jedermann seine flüssigen Mittel in Frankenwerten anlegen, auch wenn diese Variation der Flucht in den Franken zu einem teuren Spaß werden kann.

Selbst wenn der Weg nach Zürich versperrt ist, ist es also kein Kunststück, via Paris (und offensichtlich auch schon via Frankfurt) Schweizer Wertpapiere zu erstehen. Das Aufgeld, das in die eidgenössischen Taschen fließt, macht genügend Schweizer Bürger verkaufsbereit. Den Schaden hat vor allem die Zürcher Börse zu tragen. Zwar sinken nicht die Kurse, wohl aber die Umsätze. Deutsche Banken wollen allerdings ihre Hand nicht zu Geschäften leihen, denen der Rudi des Illegalen anhaftet. Solche Abstinenz fällt ihnen um so leichter, als für Deutsche eine Spekulation in Franken wenig attraktiv ist.

Auf Schleichwegen nach Zürich

Die Verordnungen aus Bern haben zudem einen völlig legalen Weg offengelassen, auf dem sich Ausländer die begehrten Fränkli besorgen können: Sie brauchen nur ein Postscheckkonto in der Schweiz zu eröffnen. Noch ist man sich in der Schweiz nicht einig, in welchem Umfang von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht wird.

Wer bereit ist, acht Prozent Strafzinsen im Jahr zu zahlen, der wird ohnehin unbehelligt mit seinen Devisen über die Grenze gelassen. Denn vor der totalen Sperrung schreckte die Regierung in Bern letztlich doch zurück. Kurioserweise scheint mit den Strafzinsen auch die Attraktivität des Franken gewachsen zu sein. War das Verzinsungsverbot für Auslandsguthaben schon seit Jahren eine Selbstverständlichkeit, so reichen jetzt nicht einmal acht Prozent Belastung aus, um die Frankenverehrer aus aller Welt fernzuhalten.

Über das Fehlen der Auslandskunden beklagen sich die Banken kaum, wohl aber über den Kontrollaufwand, der aus heiterem Himmel auf sie zukam. Zunächst hatte es Ärger gegeben, als die Verordnungen für verbindlich erklärt wurden, die Kreditinstitute jedoch nicht einmal ihren Inhalt kannten. Und noch heute sehen selbst erfahrene Bankiers im Dickicht der Paragraphen nicht klar. Resignierend erklärte Guido Hanselm’ann, Generaldirektor der Schweizerischen Bankgesellschaft: "Die sechs Verordnungen können ... leider nicht als Muster an Klarheit in unsere Gesetzessammlung eingehen."

Auch die kleinen Bankangestellten stöhnen; denn sie sind oft die Leidtragenden des Devisendurcheinanders. Überstunden sind an der Tagesordnung, Ferien werden kurzfristig gestrichen. Die Programme für die Datenverarbeitung sind noch nicht auf die neuen Vorschriften umgestellt, so daß die Verrechnung im internationalen Kapitalverkehr wie zu Großvaters Zeiten mit Hand vorgenommen werden müssen. So wundert sich in der Schweiz kaum mehr jemand darüber, daß sogar der Pressechef der Schweizerischen Nationalbank Buchhaltungsarbeiten verrichtet, um seine Kollegen bei der Kontrolle zu entlasten.

Bei unseren Nachbarn hört man immer mehr die Meinung, der Schweizer Riegel halte nicht und schade nur dem Image des Landes. Schließlich gab es seit dem Kriege keine derartigen Restriktionen mehr – und das in einem Land, das stets als Garant für freien Kapitalverkehr und als Hort des Liberalismus galt.

Gelegentlich heißt es auch, die Hunde in Bern wollten nur bellen, aber nicht beißen. Nationalbankpräsident Edwin Stopper versicherte, die Vorschriften gingen ihm selber gegen den Strich und würden keinen Tag länger als nötig bestehen bleiben. Nun hoffen nicht nur die Bankiers von der Zürcher Bahnhofstraße, daß Stopper zu seinem Wort steht – und zwar vor Ablauf der zwei Jahre, nach denen die Reglementierungen ohnehin ein Ende haben sollen.

Paul Klügl/ Klaus-Peter Schmid