Bombe aus dem Hinterhalt

Politische Pornographie aus der Feder eines SPD-Abgeordneten?

Von Eduard Neumaier

Urlaubserholung ist Horst Herold, dem Chef des Bundeskriminalamtes in Wiesbaden, anscheinend nicht gegönnt. Ahnungslos begann er am 1. August seinen durch die aufregende Baader-Meinhof-Jagd wohlverdienten Jahresurlaub, als urplötzlich wieder eine Bombe detonierte.

Es handelte sich um einen Sprengsatz besonderer Art, aber seine Wirkung war vertraut: Die Detonation löste Empörung bei den Betroffenen, Abscheu in der Öffentlichkeit und heftige Aktivität beim Bundeskriminalamt, bei der ihm unterstellten Bonner Sicherungsgruppe und beim dienstvorgesetzten Bundesinnenministerium aus. Doch ermitteln muß Herold diesmal gegen seine eigene Behörde. Der Bombenwerfer nämlich hatte den Sprengsatz so liebevoll mit Spezial-Ingredienzien angereichert, daß er eigentlich nur im Hause oder in der Nähe des Bundeskriminalamtes vermutet werden kann – ein Umstand, der Herold mindestens ebenso erzürnt hat wie die Störung seines Urlaubs.

Daß bei dem unvermuteten Attentat keine Menschenleben zu beklagen sind, ist der Eigenart des Sprengkörpers zuzuschreiben: Er ist aus Papier, broschiert auf 245 Seiten in einen grell rot-weißen Umschlag gepreßt, genannt "Der Baader-Meinhof-Report", und es ist ihm anzusehen, daß er eine Schnellfertigung war.

Als der Report am 26. Juli in ein paar hundert Exemplaren ohne Schlußkorrektur an Zeitungs- und Rundfunkredaktionen versandt wurde, erhoffte sich der Absender, der von Hase und Koehler-Verlag in Mainz, zwar eine ähnliche Sensation wie vor einem Jahr mit den Memoiren des ehemaligen Präsidenten des Bundesnachrichtendienstes, Reinhard Gehlen. Aber eine Woche lang mußte Verlagsgeschäftsführer Volker Hansen, ein 32 Jahre alter, glänzend aussehender Manager-Typ, auf Symptome eines Bestsellers warten. Erst ein Artikel der amerikanischen Nachrichten-Agentur Associated Press und Beiträge in der Frankfurter Rundschau, der Süddeutschen Zeitung und im Spiegel veranlaßte die Buchhändler, das Buch zu ordern. Hansen richtet sich jetzt auf eine Auflage zwischen 50 000 und 100 000 ein. Sie soll von grammatikalischen und orthographischen Fehlern gereinigt sein.

Freilich, was solcherart verfeinert werden soll, wird dadurch nicht genießbarer. Und der "Baader-Meinhof-Report" ist von übelerregender Penetranz, von einer Niedertracht, die eigentlich nur zwei Rückschlüsse zuläßt: Die Urheber sind entweder naive, obrigkeitsgläubige Narren, die meinten, der Polizei und dem Bundeskriminalamt einen Gefallen zu erweisen, indem sie Polizeiprotokolle und Darstellungen des BM-Terrors ungeprüft übernahmen und die Polizeiarbeit heroisierten – oder aber es handelt sich um eine Abart des politischen Wahlkampfes, um "catch as catch can" in seiner brutalsten Form, bemäntelt als Dokumentation.

Bombe aus dem Hinterhalt

Vieles deutet darauf hin, daß der vorliegende Report Bestandteil des politischen Untergrundes ist. Er wird dadurch erst recht zum Skandal. Nicht allein deswegen, daß wieder einmal vertrauliche und geheime Unterlagen von Anonymikern an die Öffentlichkeit gezerrt werden; auch nicht nur deswegen, weil, wie zu hören ist, die Preisgabe der polizeilichen Strategie in einem Protokoll der Innenministerkonferenz die Fahndungen erschwert. Zum Skandal wird der Report, weil er skrupellos bloße Verdächtigungen als feststehende Tatsachen behandelt (so sind, obschon noch kaum Prozesse stattgefunden haben, alle Linksextremisten pauschal als Verbrecher bezeichnet, werden tatsächliche oder vermeintliche Sympathisanten der Baader-Meinhof-Clique bedenkenlos beim Namen genannt) und weil er eine parteipolitische Richtung penetrant zu Komplicen, wenn nicht gar zum Urheber des BM-Terrors stempelt: Die deutsche Sozialdemokratie.

Besonders abgesehen hat es der Report auf Bundespräsident Heinemann und auf die Familie von Bundeskanzler Brandt. Die Methode ist in der Vergangenheit sattsam geübt: Die Beschuldigung ergibt sich nur zum Teil aus Fakten, mehr durch eine suggerierte Kausalität. Im Zusammenhang mit dem BM-Gruppenmitglied Gudrun Ensslin heißt es: (Seite 22) "Gudruns Vater, Pastor Helmut Ensslin, ein ebenso ehrbarer wie eigenwilliger Mann, steht zu der Zeit der Sozialdemokratischen Partei nahe. Als Gastgeber des "Boller Hauskreises" gehörten zu seinem Freundes- und Bekanntenkreis nicht nur der 1967 verstorbene Dr. Fritz Erler (Stellvertretender Vorsitzender der SPD), sondern auch der jetzige Bundespräsident Gustav Heinemann, der im Jahre 1968 seinen Einfluß als damaliger Justizminister jederzeit geltend machen konnte. Dies tat er besonders dann gern, wenn es sich um Jugendliche handelt, als deren Freund er sich immer betrachtet. Es gelang Vater Ensslin, den vier Verurteilten (Gudrun Ensslin war im Frankfurter Kaufhausbrand-Prozeß 1968 zusammen mit Andreas Baader und zwei weiteren Helfern verurteilt worden, Red.) im Hause des Evangelischen Diakonischen Werkes in Frankfurt den notwendigen ,festen Wohnsitz‘ zu verschaffen."

Dem Leser soll suggeriert werden, Heinemann habe dabei mitgewirkt. Auf Seite 102 wird eine Rede Heinemanns auf der 8. Bundesjugendkonferenz des DGB, in der er vor Verallgemeinerungen der "Jugend von heute" warnte, zum Indiz einer heimlichen Komplicenschaft mit den Terroristen umfunktioniert. "Der Einfluß des Justizministers", so heißt es da, "hatte dann zu ihrer bereits beschriebenen ‚Bewährungsarbeit‘ geführt". Die Katze laßt der reportierende Anonymus aus dem Sack, wenn er danach Heinemanns Kampf gegen die Wiederbewaffnung mit den angemessenen Verzerrungen schildert.

Frau Brandt findet sich, auf Seite 104, "als einstiges Mitglied der norwegischen kommunistischen Partei – das war sie und eine Parteiaustrittserklärung liegt nicht vor" geschildert. Willy Brandt "unterstützte schon früh einen der Gründer der Bande. Brandt beauftragte den Berliner Rechtsanwalt Horst Mahler, seinen Sohn, den Studenten Peter Willy Brandt... vor Gericht zu vertreten.... als Vater Brandt Mahler zum Verteidiger benannte und ihn bezahlte, war dieser Rechtsanwalt bereits als Staatsfeind genau bekannt." Brandt sei als "Oberbürgermeister" über die ersten Anschläge Dutschkes, Mahlers, Kunzelmanns im April 1968 "selbstverständlich unterrichtet worden".

Brandt wird konsequenterweise auch als Bremsklotz der BM-Fahndung dargestellt – bis ihm dies durch die Bombenattentate im Frühjahr 1972, unmöglich gemacht wurde. Seite 110: "Der Bundeskanzler tat nun endlich seine Pflicht, er gab jenes vom Bundeskriminalamt lang ersehnte ‚grüne Licht‘. Die Verhaftungen folgten daher einander schnell." Die Suggestion ist klar: "Bis dahin tat der Bundeskanzler seine Pflicht nicht, er hielt die Ampel auf Rot, es konnte nicht verhaftet werden." Das ist absurd und von der Wirklichkeit widerlegt, daß man zur Tagesordnung übergehen müßte, verriete sich in diesem schrecklichen Machwerk nicht die Methode des Rufmordes. Verleger Hansen auf. entsprechende Vorhaltungen: "Seien Sie vorsichtig, wenn das Material rauskommt, ist Brandt ein toter Mann."

Die Infamie des Produktes ist auf die ersten III der 245 Seiten, beschränkt, auf den Meinungsteil, in dem richtig wiedergegebene Fakten verzerrt dargestellt, im Sinn und im Zusammenhang verfälscht werden. Der zweite Teil besteht aus einem Dokumentenanhang. Auf den ersten III Seiten kommt es den Verfassern wohl auf mehrere Ziele an: Behauptung einer Komplicenschaft der Sozialdemokraten mit Anarchisten und Kommunisten, sichtbar am Versuch historischer Parallelen (SPD unterstützte den zwanziger Jahren die sowjetischen Kommunisten); Darstellung einer internationalen terroristischen Querverbindung (so wird der Mord an Martin Luther King unausgesprochen den amerikanischen linksextremistischen Studenten unterschoben, obwohl er von einem eindeutig Kriminellen verübt wurde). Auf diesen Teil kam es dem oder den Verfassern an.

Wer steht hinter ihnen? Verleger Hansen formuliert freimütig: "Ein renommierter politisch aktiver Sozialdemokrat aus dem Bundestag." Den Namen will er nicht nennen, aber "ich will ihm zureden, sich zu bekennen". Es handele sich "nicht um einen Hinterbänkler oder Überläufer", sondern um einen älteren Sozialdemokraten", dem die Entwicklung seiner Partei Sorgen mache. Dieser Sozialdemokrat soll, so Hansen, das gesammelte Werk aus Meinung und Dokumentaranhang (der, so scheint es, so authentisch ist, daß das BKA die "Richtigkeit der Wiedergabe nicht ausschließen" will) schon lange "wie Sauerbier auf dem Bonner Markt angeboten" haben, ehe er Mitte Juni 1972 auf den schlagzeilenehrgeizigen Mainzer Verlag gestoßen wurde.

Bombe aus dem Hinterhalt

Hansen, der sich vor Drucklegung mit seinen Rechtsanwälten beraten haben will und von ihnen die juristische Unbedenklichkeit bestätigt bekommen habe, brachte den vorgeblichen Genossen sogar zur Streichung "noch viel schlimmerer" Passagen und zur Kürzung des Textes um gut die Hälfte. So erfährt man nichts über angebliche Geldspenden oder heimliche Gespräche führender SPD-Politiker über Extremisten.

Skrupel gegen die Veröffentlichung hatte Hansen nicht, zum einen "weil ich die Akten alle gesehen habe", zum anderen: "Ich bin nicht der Autor." Prozessen sieht er mit Gelassenheit entgegen. Wahrscheinlich wäre er nicht böse, wenn es welche gäbe, denn Verkaufserfolge braucht sein Verlag, der von seinen sonst seriösen Büchern (Politologie, wissenschaftliche Literatur) wahrscheinlich nur geringe Rentabilität zu erwarten hat. Den Verdacht, ein "rechter" Verlag zu sein, weist Hansen zurück, was er mit NPD-feindlichen Büchern belegen kann. Das Verlagskriterium ist wohl der "Erfolg" solcher Werke wie dieses Reports.

Es hat indessen den Anschein, als wollten die Betroffenen zum Erfolg nicht so recht beisteuern. Das Bundeskriminalamt sucht zwar den etwaigen Verräter in eigenen Reihen, aber der Vorgesetzte Genscher scheut eine spektakuläre Aktion, etwa die Indizierung des Buches, die Verhinderung seiner Auslieferung. Klagen wegen Beleidigung oder Verleumdung hätten wohl eine Basis; aber es ist fraglich, ob der Bundespräsident oder der Bundeskanzler einen so schmutzigen Clinch ohne Schaden für ihre Ämter wagen können. Gegen politische Pornographie gibt es kaum Notwehr.

Das ahnt auch Hansen. Er verabschiedet seinen Besucher mit "auf Wiedersehen im Herbst". Dann explodieren anscheinend noch weitere Bomben dieser Art.