Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im August

Noch ist Bonn fest in der Hand der Touristen. Zwar sind Kanzler und Außenminister schon aus dem Urlaub zurückgekehrt. Aber das markiert nur einen Schichtwechsel, denn nun sind zum Beispiel Helmut Schmidt und Georg Leber, nachdem sie als neue Hausherren im Wirtschafts-, Finanz- und Verteidigungsressort bei den ihnen Anbefohlenen die Runde gemacht haben, in die Ferien aufgebrochen. Und das Bundesviertel liegt so still und verlassen da wie am Abend des Tages, an dem die parlamentarische Sommerpause begann. Nur die Touristen sorgen für Leben.

Das wiederholt sich von Jahr zu Jahr. Wer nicht mit dem eigenen Wagen kommt, den fahren Busse heran, den lädt die Bundesbahn aus, den setzt die weiße Flotte der Rheinschiffe an Land. Der Strom reißt nie ab: Deutsche, Amerikaner, Briten, Franzosen, Holländer, Belgier, Skandinavier, Kaffeekränzchen und Kolping-Vereine, Kegelbrüder und Wandervögel. Man hat so viel von der Bundeshauptstadt gehört, nun möchte man sie auch sehen.

Methodisch Veranlagte absolvieren zuerst eine Stadtrundfahrt. Sofern sie dabei die Regierungszentrale im Auge haben, kommen sie freilich nicht ganz auf ihre Kosten. Zwar führt die Route auch an Parlament und Abgeordnetenhochhaus, Ministerien und Botschaften vorbei, aber das ist nur ein Segment des Panoramas, das der Cicerone auf deutsch, englisch und französisch erklärt.

Darin offenbart sich nicht Mißachtung, sondern ein Bewußtseinswandel. Längst vorbei sind die Jahre, in denen der Fremdenführer seinen Vortrag eher verlegen als stolz mit den Sätzen zu eröffnen pflegte: "Wir sind die Hauptstadt, die vorläufige Hauptstadt für diesen Teil Deutschlands, notwendigerweise. Sonst sind Hauptstädte große Städte, eine Million Einwohner oder wenigstens eine halbe; aber wir sind nur eine kleine Stadt!"

Kein Wort mehr davon heute, weder von der Vorläufigkeit noch von der Kleinstadt. Statt dessen nur der trockene Satz: "Die Funktion als Regierungssitz hat die Stadt stark verändert und wird sie weiter verändern." Der Bund ist in Bonn und für Bonn zur Selbstverständlichkeit geworden, und den Fremden werden seine Gebäude als eine Sehenswürdigkeit unter anderen präsentiert, nicht mehr und nicht weniger interessant als das Poppelsdorfer Schloß oder die neue Rheinbrücke.