Von Hans Otto Eglau

Für die schwäbische Kleinstadt Trossingen ist Hohner, was Bayer für Leverkusen oder VW für Wolfsburg ist. 3000 Arbeiter und Angestellte – ganz Trossingen hat nicht mehr als 12 000 Einwohner – strömen jeden Morgen in die Fabriken und Büros der traditionsreichen Familienfirma, die monatlich 500 000 Mundharmonikas in 130 Länder liefert und in diesem Produktbereich auf der Welt einen Marktanteil von 90 Prozent verteidigt.

An der Mundharmonika-Quelle hohnert es auf Schritt und Tritt: Die Ernst-Hohner-Straße kreuzt die Hohner-Straße und die Karl-Hohner-Straße und endet am Jakob-Hohner-Platz, unweit des Dr.-Karl-Hohner-Altenheims und des Dr.-Ernst-Hohner-Konzerthaüses, das seine Existenz einer Millionen-Spende der Hohners verdankt. Stellvertretender Bürgermeister ist Walter Hohner, der derzeitige Chef des Unternehmens.

Der 58jährige Enkel des Firmengründers Matthias Hohner hat gute Aussichten, die Reihe der verewigten Hohner-Erben einmal fortzusetzen. Denn auf seine Initiative hin rang sich die Familienfirma mit dem zu einem Akkordeon stilisierten Namenszug im Hauswappen zu der folgenschwersten Kurskorrektur in ihrer 165jährigen Geschichte durch: Sie beschloß, außer Musikinstrumenten auch Computer zu bauen. Mit der Fertigung von Baugruppen für den Computer-Riesen IBM wagten sich die Trossinger vor vier Jahren auf den von internationalen Konzernen beherrschten EDV-Markt. Von der Öffentlichkeit nahezu unbemerkt, gelang es den schwäbischen „Bläslemachern“, auf dem für sie fremden Terrain schneller als erwartet Fuß zu fassen. Heute erzielt die Matth. Hohner AG bereits über ein Viertel ihres Jahresumsatzes (1971: fast 76 Millionen Mark) im EDV-Bereich. Für nicht ausgeschlossen hält es Walter Hohner, daß bereits 1980 jede zweite umgesetzte Mark auf das zukunftsträchtige Rechnergeschäft entfällt: „Ich halte es durchaus für möglich, daß wir dieses Ziel erreichen.“

Über 150 Jahre lang hatten die Herren Hohner weder Neigung noch Notwendigkeit verspürt, etwas anderes als Mundharmonikas, Akkordeons und Blockflöten zu produzieren. Die ebenso musikliebenden wie geschäftstüchtigen Schwaben konnten lange Zeit gar nicht so viele. Instrumente liefern, wie in aller Welt verlangt wurden. Die hohe Qualität, auf die der gelernte Uhrmacher Matthias Hohner vom ersten Tag seiner Industriellen-Karriere an bedacht war, verhalf vor allem Hohners Mundharmonikas in kurzer Zeit zu ihrer Weltgeltung. „Hohner-Mundharmonikas, Mauser-Gewehre, Krupp-Stahl, Daimler-Motoren ... bedeuten Wertbeständigkeit“, rühmt August Lämmle, ein Freund der Trossinger Fabrikanten-Familie, in einer Hohner-Biographie.

Zwar gilt Ahnvater Matthias, der – laut Firmen-Selbstporträt – „einen klugen Kopf, ein frohes Herz, einen eisernen Willen und eine tapfere, fromme und fleißige Frau sein eigen nennen konnte“, nicht als der Erfinder der Mundharmonika; vielmehr hatte ein Berliner Instrumentalbauer das tönende Spielzeug unter dem Namen „Mundäoline“ bereits 43 Jahre vor Hohners Start vorgestellt. Aber erst der Trossinger Uhrmacher durchschaute die kommerziellen Chancen der bis dahin verkannten Erfindung und begann, sie in Massenfabrikation nachzubauen.

Bereits im ersten Geschäftsjahr lieferte Matthias Hohner 650 Mundharmonikas, eine Menge, die heute in zehn Minuten produziert wird. Als der alternde Gründer die Geschäfte um die Jahrhundertwende mit der Mahnung „bleibt immer in soliden Bahnen“ seinen fünf Söhnen anvertraute, verließen jährlich bereits einige Millionen Mundharmonikas das Werk. Ein großer Teil ging davon nach New York, Chicago und Toronto, wo die emsigen Schwaben frühzeitig Verkaufsniederlassungen gegründet hätten.