Von Marion Gräfin Dönhoff

Vor drei Jahren im Juli – gerade war Ernst Fischers siebzigster Geburtstag bei Raddatz in Hamburg gefeiert worden – hatten sich Fischer und seine Frau Lou mit dem Ehepaar Ernst Bloch an einen der schönen Holsteiner Seen zurückgezogen. Als ich an einem blauen, sommerlichen Tag zum Wochenende zu den Freunden fuhr, von kleinen Nebenstraßen schließlich in einen sandigen Waldweg einbiegend, sah ich plötzlich durch den hellen Buchenwald die schlanke Gestalt Ernst Fischers auf mich zukommen.

Dieses ein wenig romantisch anmutende Bild hat sich mir unauslöschlich eingeprägt: Der da kommt, ist wirklich ein Dichter, er gehört in diese poetische Landschaft, mußte ich denken.

Ernst Fischer war vieles: Revolutionär, Lyriker, Dramatiker, Kulturkritiker, einmal auch Erziehungsminister in Österreich – aber zu allererst war er ein Dichter. Vielleicht könnte man auch sagen, er war vor allem anderen ein Rebell. Sein Lebensweg ("Es gibt kein Schicksal, nur Alternativen. Das große Vielleicht.") läßt diese Deutung zu.

Mit sechs Jahren legte er am Weihnachtsabend seinem Vater, den er im Gegensatz zu der sehr geliebten Mutter haßte, einen Brief auf den Schreibtisch: "Wenn Du zu Deiner Frau und Deinen Kindern ekelhaft bist, werde ich Dich strafen." Unterschrift: "Das Christkind." Der Vater, ein durch und durch humor- und phantasieloser, kleinbürgerlicher Mann, Oberst in der k. u. k.-Armee, fuhr ihn wütend an. Später, bei der ersten Kommunion, blieb der Bub als einziger zwischen allen Knienden aufrecht stehen – von den empörten "Andächtigen" zischend zur Ordnung gerufen.

In seiner Autobiographie schreibt Ernst Fischer: "Ich las die Bibel, wie ich Shakespeare las, schon als Kind von der Größe dieses Buches ergriffen, von dem Gott, der zum Menschen wird, als Rebell vor Gericht steht, als Verbrecher am Kreuze stirbt, von dem zwiespältigen Menschensohn, der sich von seiner Familie lossagt, den Armen frohe Botschaft predigt und: ‚Ich habe das Schwert gebracht‘ und: ‚Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen! Die Widersprüche störten mich nicht, sondern von Anfang an empfand ich die rätselhafte Einheit dieser großen Gestalt.‘

Als Vierzehnjähriger richtete er eine Pistole auf den Vater und gab in seiner Schule in Graz eine Zeitschrift heraus, die kassiert wurde, weil er zum hundertjährigen Jubiläum der Völkerschlacht von Leipzig nicht den deutschen Befreiungskrieg, sondern – von Heine inspiriert – Napoleon gepriesen hatte. Als dann schließlich auch noch der Vorwurf, pornographische Gedichte verfaßt zu haben, hinzukam, wurde er von der Schule relegiert.