In San Clemente hat Richard Nixon am 3. April 19 71 eine Rede gegen das Recht auf Abtreibung gehalten, welches den "Rechten der Ungeborenen" widerspreche, die ihm, dem Präsidenten, heilig seien. Das ist der Ausgangspunkt für Philip Roths satirisches Pamphlet in sechs Abschnitten oder "Sketches" –

Philip Roth: "Unsere Gang – Die Story von Trick E. Dixon und den Seinen", aus dem Amerikanischen von Irene Ohlendorf; das neue buch 10, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek; 135 S., 5,– DM.

Der erste Abschnitt ist der wirkungsvollste. Hier wird Präsident Trick E. Dixon auf Grund der "Rede von San Demente" von einem besorgten Bürger gefragt, ob nicht Leutnant Calley in My Lai eine schwangere Vietnamesin hätte töten und damit den entsetzlichen Akt der Abtreibung eines Ungeborenen vollziehen können. Erfolgreich beschwichtigt Präsident Dixon den Fragenden: Leutnant Calley habe in keinem Fall wissentlich eine Abtreibung vorgenommen.

Auch der zweite Abschnitt, eine Pressekonferenz des Präsidenten, hat es mit den Ungeborenen zu tun, die nunmehr das Wahlrecht erhalten. Im fünften Abschnitt wird der Präsident ermordet aufgefunden, und zwar in einem Sack in der Haltung des Fötus. Tausende Trauernde eilen nach Washington – aber siehe da, jeder gesteht, er oder sie habe den Präsidenten ermordet. Ihn selber treffen wir im letzten Abschnitt in der Hölle, wo er sich in einer Rede als tüchtigerer Nachfolger Satans empfiehlt. Zitate aus Swift und Orwell am Anfang, aus der Apokalypse am Schluß beweisen, daß Philip Roth zuerst an satirische Mittel dachte, bevor er die "Schalen des Zornes" direkt über dem Präsidenten leerte.

Mit "Portnoys Beschwerden" hatte Philip Roth in einem langen kabarettistischen Monolog ein Glanzstück literarischen Humors geliefert – es ist allerdings nur in der Originalfassung ganz überzeugend – und, wenn nicht eine Figur, so doch eine unvergeßliche Stimme, eine großartige Rolle geschaffen. Diesmal ist dem Autor der Humor über seinem Thema vergangen, aber damit wird auch der Witz der Namen – Trick E. Dixon, John F. Charisma und seine Witwe und neuverehelichte Frau Colossus und so weiter – fragwürdig. Die Verspottung wurde zur Diatribe. Roth will seinen Lesern klarmachen: Wählt auf keinen Fall diesen Mann ein zweites Mal.

Seinerzeit war Präsident Johnson in einer Macbeth-Parodie "MacBird" verspottet und als Planer des Mordes an seinem Vorgänger angeprangert worden. Es war eine Arbeit für Sofortkonsum – "instant satire" – und mehr ist auch "Unsere Gang" nicht. Denn der Autor ist kein neuer Swift, er hat es auch nicht verstanden, Nixon an seinen eigenen Aussagen zu entlarven – wobei sich einem Amerikaner zwar nicht das Vorbild Karl Kraus anbot, wohl aber das von Dwight Macdonald. Die Fiktion steigert hier die Wirklichkeit nicht, die Ermordung wirkt wie ein bloßer Wunschtraum des Autors. Der cämonisierte Nixon ist nicht mehr ein Jedermann, ein Opportunist, dessen Überzeugung nur Macht und Erfolg ist; ihm wird eine eingewurzelte "Lust am Bösen" zugeschrieben.

Gibt es denn nicht ein Stück Nixon in jedem, und sogar in einem amerikanischen Bestseller-Autor, der von der Feinheit seiner frühen Novellen zu massiveren erfolgreicheren Stilmitteln übergegangen ist? Swift und Orwell wußten, daß Satire auf höchstem Niveau jeden, auch den Autor, impliziert. Bei Philip Roth ist diesmal die menschliche und die literarische Phantasie unzureichend. Ja, es könnte Leser geben, die angesichts dieses Pamphlets so etwas wie Sympathie für ihr Objekt verspürten. Denn in jedem Menschen sträubt sich etwas dagegen, genau jene Gefühle zu empfinden, die ein anderer so heftig und hektisch von ihm fordert.

François Bondy