Sicherheit und Ordnung zuerst, das war in Fuhlsbüttel seit dem Baujahr 1906 oberstes Gebot. Hierher schickten wie auf eine Abraumhalde menschlicher Schicksale die Länder Hamburg, Bremen und Schleswig-Holstein ihre schwersten Jungs, Rückfalltäter zumeist und "Lebenslängliche". Hier wurde jahrzehntelang klassischer Zuchthausvollzug betrieben und noch vor drei Jahren der Besitz einer nicht eingetragenen Topfblume und das Beschreiben von Klopapier mit verschärftem Arrest geahndet; hier war der Besitz eines Kugelschreibers eine "besondere Vergünstigung", die laut Hausordnung nur zurückhaltend zu gewähren war und bei renitenten, aber schreibkundigen Gefangenen auf Jahre entzogen wurde.

Zwar war das Etikett "Zuchthaus" am 1. 4. 71 ausgewechselt worden, aber nur wenig hatte sich seitdem geändert, wenn auch einige Verbesserungen nicht verschwiegen werden sollen. So war der "Kugelschreibererlaß" gefallen, die Briefverbindung nach draußen nahezu unbeschränkt, wenn auch streng überwacht, und der Empfang des Mittelwellenprogramms (bei voller Zahlung der Rundfunkgebühren, versteht sich) sowie zwei Stunden wöchentlichen Fernsehens in Gemeinschaftsveranstaltungen wurden erlaubt.

Alles andere blieb, so vor allem das miserable Essen mit viel "nasser Soße" und wenig Gemüse und bei einem Verpflegungssatz von täglich DM 2,10 pro Gefangenen für drei Mahlzeiten gegenüber DM 2,50 für den die Gefangenen in Laufgängen bewachenden scharfen Polizeihund ...

40 Prozent der in Santa Fu einsitzenden Straftäter haben keinen Volksschulabschluß: ganze 12 Mann durften ihn in diesem Jahr nach langem Anlauf absolvieren! 60 Prozent der Inhaftierten verfügt über keine abgeschlossene oder zureichende Berufsausbildung, ein einziger Gefangener von 500 durfte inzwischen die (Schneider-) Lehre beginnen. Nachdem nach nur zwei Jahren vergeblichen Bemühens der einzige Anstaltspsychologe das Handtuch warf, gibt es keinerlei psychologische Betreuung für die nach eigenen Worten "dahinblödelnden" Männer, deren seelische Struktur nach den Worten eines führenden Mannes des Hamburger Strafvollzuges "affektlabil" ist, mit "gescheiterter Anpassung schon in jungen Jahren".

Mag sein, nur macht solcherart verbrachte Haftzeit den Häftling noch desozialer als vor dem Strafantritt im Knast, und bei der durch niemanden und nichts vorbereiteten Eingliederung ins "freie Leben" stößt er auf eine Gesellschaft, deren Reaktionen ihm gegenüber als geradezu asozial bezeichnet werden können. Denn der eine Fürsorger an Stelle der vorgesehenen drei hat hier nichts anderes als eine Alibifunktion für den bereits im Knast vorprogrammierten Rückfall...

Bei den inzwischen stattgefundenen Wahlen einer Gefangenenvertretung wurden nicht etwa die "Schreier" gewählt, sondern Männer, von denen man durchaus vermuten kann, daß sie sachlich mit einer Leitung zusammenarbeiten werden, die einen wirksamen Vollzug fördernder Maßnahmen praktiziert. Ob es zu einem solchen Fördervollzug in "Santa Fu" jemals kommt, das allerdings ist noch sehr die Frage. W. N.

Der Verfasser verbüßt in Fuhlsbüttel eine mehrjährige Freiheitsstrafe