Von Nino Erné

Auf Elba waren Sie schon. Ischia ist übersät mit „Wurstel“ und überspült mit „deutschem Kaffee“: Touristen, die italienisch sprechen, werden demnächst strafrechtlich verfolgt. Wenn Sie auf Capri landen, sehen Sie das Örtchen vor Hotels nicht, statt Maultieren Autobusse und statt Landschaft Ansichtskarten.

Die letzte, noch nicht vom Reiseverkehr verschlossene, der berühmten italienischen Inseln heißt Ponza. Schon der alte Homer wußte sie zu rühmen, wenn auch unter dem Namen Ääa. Zu einem etwas zwielichtigen Glanz gelangte sie in der Römischen Kaiserzeit als Ort mondäner Verbannung: Augustus verschiffte seine Tochter Julia auf das Eiland, weil sie allzu offenherzig Dolce Vita betrieben hatte. Die Grotte, in der man geringere Gefangene den Muränen zum Fraß vorwarf, kann noch besichtigt werden, allerdings ohne Muränen. Ponzas populärster Verbannter wurde Papst Silverio. Ihm ist die hübsche runde Kirche mit cremefarbener Kuppel und einem Glasfenster der Hamburger Bildhauerin Ursula Querner gewidmet, und nach ihm werden unzählige Kinder benannt, nicht nur auf Ponza geborene Babys; es genügt, wenn sie auf einem Felsen oder im Boot über den durchsichtigen grünblauen Gewässern – sagen wir einmal: ins Leben gelockt wurden. Der letzte Gefangene schließlich hieß Benito Mussolini; mit echt lateinischer Ironie sperrte man ihn genau in das Haus, in das er zuvor den äthiopischen Ras Immerü hatte sperren lassen.

Trotzdem ist Ponza kein ödes Höllenriff, im Gegenteil. Was die Insel einst für Gefangene geeignet machte, ist heute ihr Reiz für naturlüsterne Reisende: sie liegt mitten im Meer, fast drei Stunden von Formia oder Anzio entfernt, gegenüber dem Capo Circeo zwischen Rom und Neapel. Ich empfehle die Überfahrt mit dem Motorschiff (etwa fünf Mark), nicht mit dem saisonbedingten, hastigen Flügelboot: so vergessen Sie schon unterwegs den Benzingestank und die Völkerwanderungen auf dem Kontinent. Ihren Wagen lassen Sie ruhig in Formia: die Zollbeamten am Hafen passen stillschweigend und nebenbei auf, daß Auto oder Inhalt nicht gestohlen werden. Dies ist jedoch ein Geheimtip, eventuelle Regreßansprüche dürfen Sie nicht geltend machen. Ponza kann sich keiner so üppigen Flora und Fauna rühmen wie gewisse andere Mittelmeerinseln. Dafür beschenkt es Sie mit zwei Wundern: Klima und Licht. Ob es regnet – und das tut es selten – oder auch einmal der Himmel grau ist statt blau: die Luft, die Sie einatmen, steigt Ihnen so euphorisch zu Kopf wie allenfalls an einem ganz klaren Frühlingstag in Berlin. Vielleicht fegt der weite Meereswind deshalb noch jeden Himmel rasch wieder frei, weil es auf Ponza keine hohen Berge gibt, und schafft jenes irisierende Farbenlicht der Odyssee, das Sie im sciroccogepeinigten Sizilien meist vergeblich suchen. Wie eine riesige Ameise liegt die Insel im Meer, etwas gekrümmt, mit ganz schmaler Leibesmitte: 8 Kilometer lang, 200 bis 1800 Meter breit, der Kopf 280 Meter hoch, und wenn Sie mit einem Boot um das Ganze herumrudern, segeln oder tuckern, sind es etwa 25 Kilometer. Nicht nur der Maler Claus Wallner in seinem weißen Haus auf dem Felsen Ravia mitten in der Bucht behauptet, Ponza habe den schönsten Yachthafen Italiens. Sanft geschwungen, edel gerundet, entstand er unter dem Bourbonenkönig Ferdinand von Neapel, und wenn Sie auf den Hauptort zugleiten, leuchten die Häuserwürfel am Hang weiß, gelb, orange, ocker- und türkisfarben in einer Natürlichkeit der Anordnung, die nichts gewollt „Pittoreskes“ hat.

Und nun suchen Sie sich ein Quartier, es sei denn, Sie haben schon telephonisch Zimmer bestellt und werden am Molo abgeholt, etwa von „Gennarino“ mit seinem wackligen alten Auto (Telephon 80071). Sein Hotel liegt direkt „a mare“, eigentlich schon im Meer, mit einem überdeckten Pontonrestaurant, in dem Sie Fisch, Fisch und Meeresfrüchte essen. Wenn Sie es nicht eilig haben (und sowie Sie ankommen, verlieren Sie ohnehin Ihr Zeitgefühl), besorgt Ihnen die rassige Wirtin auch Hummer ... Und da sage ich nur: Ponzas Hummerfischer sind so berühmt, daß sie gelegentlich an fernsten Gestaden Unterricht in ihrer Kunst erteilen.

Die Ponzesen sind freundlich aber nicht aufdringlich, sie buhlen (noch?) nicht um die Gunst der Touristen. Nur in den heißesten Wochen mit dem größten Andrang werden sie manchmal tückisch und erweisen sich als Nachkommen Neros. Es gibt etwa 4000 von ihnen, und regiert werden sie jovial von Doktor Sandolo, dem Herrn über ihre Leiber und ihre Wählerstimmen. Denn er ist sowohl ihr Arzt wie ihr Bürgermeister, und er nimmt es nicht übel, wenn man ihn fragt, ob seine ununterbrochenen, turmhohen Wahlsiege sich so erklären, daß er alle Patienten. sterben lasse, die sich als unsichere Kantonisten erweisen.

Noch können Sie in unverschmutztem Wasser fischen und tauchen, vielleicht finden Sie gar, wenn Sie Glück haben, eine antike Amphore. Oder Sie kaufen sich etwas Brot, Käse und Obst und gehen zu Fuß über die – man muß wirklich sagen: unvergleichliche – „Strada Panoramica“ bis nach Le Forna am anderen Ende der Insel. Dort warten in einem einsamen Kiosk auf hoher Steilküste drei oder vier alte Limonadenflaschen, oder Sie werden unterwegs zu einem Glas selbstgekelterten Inselweins eingeladen. Für die Rückkehr ins Hotel gibt es, selten, eine Art Omnibus, und die Inselbewohner nehmen Sie auch im kleinen Auto mit, falls tatsächlich einmal, eines vorbeikommt.

Das Schönste aber: Sie tun gar nichts. Sie setzen sich unten an die Bucht und schauen regungslos, gedankenlos in das Licht über Strand und Wasser. Dann kann es Ihnen so ergehen wie mir einmal, als ich anderthalb Stunden auf meinen Freund Vincenzo wartete, der sich nur eben ein frisches Hemd überziehen wollte ... Plötzlich steigt der alte Gott Neptun aus dem Meer, nur spärlich verkleidet als moderner „Sub“. Und naßglänzend, perlenbehangen geht jene Zauberin Circe vorüber, der diese ganze Insel eigentlich gehört, und der schon damals Odysseus beinahe ins Garn gegangen wäre.