Von Herbert Rosendorfer

Sport verbindet Völker. Wenn irgend etwas unsinnig ist, ungesund, kostspielig und überflüssig, wenn etwas ganz und gar keinen ernsten und wichtigen Zweck hat, so hält immer noch der eine Notanker: völkerverbindend. Sport ist völkerverbindend. Man muß zugeben, daß Sport gelegentlich Vergnügen machen kann; nicht gerade Kugelstoßen oder 10 000-Meter-Lauf, aber dies oder jenes, ich persönlich denke an Tennis fürs Ausüben und an Formel-I-Rennen fürs Zuschauen (weil es dabei die schönsten Unfälle gibt).

Daß etwas Vergnügen machen kann, ist aber Sportfunktionären nicht ernsthaft genug. Sportfunktionäre sind immer für Reinheit und Flammen und Hymnen und so Sachen. Wie es bei den anderen ist, weiß ich nicht; bei den deutschen Sportfunktionären kommt diese Vorliebe wahrscheinlich daher, daß sie aus einer Zeit stammen, wo Flammen und Hymnen eine ganz besonders große Rolle gespielt haben, wo unsere Ehre Treue hieß, Gott mit uns war und wir schnell wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie der Stahl der Friedrich-Krupp-Hüttenwerke AG Essen wären. Hoch, rein, ernst – also völkerverbindend. Die Olympischen Spiele sind noch völkerverbindender als der Sport ohnehin. Man weiß nämlich nach den Spielen, welches Volk besser ist (das heißt mehr Medaillen gewonnen hat), zu welchem Volk minderwertige Völker aufschauen, sich an ihm ein Beispiel nehmen könnten.

Nach den Olympischen Spielen in Mexiko 1968 beispielsweise konnten die Inder (1 Bronzemedaille) ganz schön zu den Pakistani (1 Goldmedaille) aufschauen, respektive sich von ihnen eine Scheibe abschneiden, was sie dann auch mit einer Verzögerung von drei Jahren 1971 getan haben.

Spanien, das Land, das mit seinen Stierkämpfen eine der ältesten Sporttraditionen hat, ist, da der Stierkampf (warum eigentlich?) keine olympische Disziplin ist, was Medaillen anbetrifft, 1968 in Mexiko leer ausgegangen, es sei denn, man ignoriert den Frieden von Paris 1898 und rechnet Kuba noch zu Spanien. Dann stünde Spanien mit 4 Silbermedaillen an 32. Stelle, müßte zwar immer noch beispielsweise zu Neuseeland (1 Gold, 2 Bronze) auf-, könnte aber auf die Mongolei (1 Silber, 3 Bronze) herabblicken.

Eigentlich, wenn man so zurückdenkt, war die Unabhängigkeitserklärung Mexikos eine mehr als illegale Sache. Kam da 1820 ein Mulatte namens Iturbide daher und machte sich zum Kaiser von Mexiko (3 Gold, 3 Silber, 1 Bronze). Man kann historisch mit Fug und Recht diese Medaillen Spanien zuzählen, das also dann über 3 Gold-, 7 Silber- und 1 Bronzemedaille verfügte und an 13. Stelle schon auf eine ganze Menge von Völkern herabsehen könnte. Aber mit Argentinien und Venezuela war das auch nicht viel legaler. 1810 haben die Argentinier nicht und 1811 die Venezolaner nicht daheim in Spanien angefragt, bevor sie sich selbständig gemacht haben. Es macht zwar das Kraut nicht fett, aber eine Gold- und eine Bronzemedaille sind es auch. Und Jamaika (1 Gold, 1 Silber) ist auch erst 1670 zu England gekommen. Belgien (1 Silber, 1 Bronze), sind das nicht eigentlich die Spanischen Niederlande?

Die spanischen Habsburger stammen aus Österreich, waren österreichische Erzherzöge, ihr Bastard Don Juan schreibt sich d’Austria. Einschließlich Ungarn, das ja gewissermaßen zu Österreich zählt, gibt das 10 Gold-, 12 Silber- und 14 Bronzemedaillen. Dazu käme noch Böhmen, das ungerechterweise als ČSSR figuriert, mit siebenmal Gold, zweimal Silber und viermal Bronze, und die Niederlande (3 Gold, 3 Silber, 1 Bronze) haben sich damals unter Wilhelm von Oranien auch nur ganz ungehörig von ihrem Stammland entfernt. War nicht Karl V. römischer Kaiser, König von Deutschland und Italien? Italien: 3 Gold, 5 Silber, 8 Bronze; Deutschland, natürlich das ganze Deutschland: 14 Gold, 20 Silber, 18 Bronze. Australien und Neuseeland wurden von Niederländern, also Spaniern entdeckt. Nach dem Stammland Austria ihres Kaisers nannten sie den Erdteil Australia. Dazu das habsburgisch-spanische Stammland Schweiz, das ergibt zusammen 6 Gold-, 8 Silber- und 11 Bronzemedaillen. Wenn man alles zusammenzählt, hat Spanien demnach 48 Gold-, 59 Silber- und 59 Bronzemedaillen; wenn kein Rechenfehler unterlaufen ist, 3 Goldmedaillen mehr als die USA, und alle, ja alle Völker können sich eine Scheibe von dem sportlichen Spanien abschneiden. Vielleicht allerdings nicht grad so wie die Inder von den Pakistani.