Von Wolfram Runkel

Mutig, aber vergeblich, zerrt der Hamburger Jungtourist Robin an dem merkwürdigen Zipfel. Erst als die große Bauernhand dem Dreijährigen hilft, spritzt wieder weiße Flüssigkeit in schnellem, feinen Strahl in den Eimer. Dann hebt die große Hand den vollen Eimer an den Mund des Jungen, und der Bauer sagt: "Dös isch Milch, trink amol." Der Junge guckt immer noch ungläubig, aber heute, am dritten Tag auf dem Bauernhof, hat er Vertrauen. Er trinkt. Und die warme Milch schmeckt.

Der Junge, der unter Milch bisher ein Produkt aus der Molkereifabrik verstand und Kühe bislang nur aus dem Bilderbuch kannte und bestenfalls von den Grünflecken an der Peripherie der Großstadt, strahlte. Kommunion mit der Kuh. Schlüsselerlebnis.

Und nun genießt er den Bauernhof. Er fährt auf dem Traktor mit zur Sennerei, bringt die Milch hin, holt die Molke für die Schweine ab, und sorgt sich auch darum, daß die Muttersau, die unter seinen Augen die Einwohnerzahl auf dem Hotterhof in Aschau im Zillertal um fünfzehn vermehrt hat, als erste bedient wird. Er reitet auf dem schnellen Hengst "Flicker" und füttert auf der Weide die Kühe mit Gras. Sogar bei mehrstündigen Wanderungen in die Berge gibt es nur gelegentlich Proteste: "Ich bin im Eimer." Ihm schmecken in den Gasthäusern die Schnitzel (vier Mark) ebenso wie die leider knoblauchlosen jugoslawischen Spezialitäten (um 4,50 Mark), die es inzwischen in vielen österreichischen Restaurants gibt. Und er schläft in einem neuen Alttiroler Bauernbett, das der Bauer selber getischlert hat.

Denn der Bauer Geisler ist nicht nur Bauer, sondern auch ein berühmter österreichischer Tischler. Er hat, unter anderem, eine alte Zillertaltruhe geschnitzt, die das Land Tirol der englischen Königin bei deren Besuch dedizierte. Und der Tischler Geisler hat viele Aufträge aus vielen europäischen Ländern.

Doch dieser Bauernhof lebt eben außer von Kühen und Truhen auch von seinen Gästen. Und für sie. Frau Geisler, Mutter von sechs Kindern (vierzehn bis zwei Jahre alt), kümmert sich um Zimmer und Frühstück der Bauernhof-Urlauber und kassiert in der Sommersaison pro Nacht und Nase etwa sieben Mark (Mittag- und Abendessen gibt es in preiswerten Restaurants am Ort).

Der Hotterhof – dessen einziger Nachteil es ist, daß das Haus unmittelbar an der Zillertal-Durchgangsstraße von Jenbach nach Myrhofen liegt – ist sicher ein Musterbeispiel für die mehr als tausend Bauernhöfe in Tirol, die auf der neuerdings so beliebten "Urlaub-auf-dem-Bauernhof"-Welle mitreiten. Nicht alle, haben so geschmackvoll eingerichtete Tiroler Häuser, nicht alle haben so viel Vieh, nicht alle haben so viel Komfort (alle Zimmer mit warmem und kaltem "Fließwasser"), vor allen Dingen haben nicht alle diese gelungene Kombination von echtem Bauernhofleben und angemessener Unterkunft.