Die Prager Prozesse erschweren die Entspannung zwischen Ost und West

Von Andreas Kohlschütter

Wenige Tage nach der Unterzeichnung des Münchner Abkommens vom 30. September 1938 schrieb der amerikanische Diplomat George Kennan, damals noch ein unbekannter Debütant an der Prager US-Gesandtschaft, an das State Department: "Die Tschechoslowakei ist schließlich ein mitteleuropäischer Staat. Ihr Wohlergehen hängt davon ab, daß sie mit den bestimmenden Kräften ihres Gebietes handelt und nicht gegen sie." Kennan bemühte sich, der Prager "Anpassung" gute Seiten abzugewinnen. Der Kern des Landes sei unbeschädigt. Für die Aufgaben der Zukunft sei eine junge Generation erhalten geblieben, "die zweifellos geopfert worden wäre, hätte man sich für die romantische Lösung des aussichtslosen Widerstandes entschieden, statt für die eigentlich heroische des Realismus".

Aber Kennans Zuversicht war von kurzer Dauer. "Leider erwies es sich bald als unmöglich, den gemäßigten Optimismus dieser ersten Reaktion beizubehalten", schrieb er wenig später. An einem trostlos grauen Vorfrühlingstag erlebte er am 15. März 1939 in Prag den Einmarsch der deutschen Truppen. An der Einfahrt zum Hradschin stieß er auf den ersten deutschen Panzer: "Eine erbitterte Menschenmenge sah schweigend zu. Der Soldat im Turm kauerte sich zusammen und fingerte nervös an seinem Maschinengewehr."

Dieselbe Szene, nur mit anderen Akteuren und diesmal mit sowjetischen Panzern, spielte sich am 21. August 1968 an derselben Stelle wieder ab. Dieselben Anpassungshoffnungen wie damals blühten auch im kommunistisch besetzten Prag wieder auf: Hoffnungen, daß der Kern des Prager Frühlings, des eigenen tschechoslowakischen Weges, über die Besatzungszeit hinweg zu retten sei.

Von Hitlers Diktat im Jahre 1938 führte ein unerbittlich gerader Weg in die totale Unterwerfung – bis hin nach Lidice. Und von Breschnjews Diktat aus dem Jahre 1968 läßt sich eine unverwischbare Spur der Zwangsläufigkeit bis hinein in jene Volksgerichtshöfe von Prag, Brünn und bald auch Preßburg verfolgen, in denen mit Willkürjustiz und drakonischen Urteilen gegen führende, immer noch Trotz bietende Intellektuelle der Ära Dubček prozessiert wird.

Moskaus Mühlen haben langsam, aber unfehlbar gemahlen. Noch geraume Zeit nach dem 21. August 1968 war die Tschechoslowakei zwar besetzt, doch nicht unterworfen – angeklagt, aber nicht überführt. Parteichef Dubček und Ministerpräsident Černik, erst nach Moskau zwangsdeportiert, kehrten nach Prag und in ihre Ämter zurück. Die sowjetischen Schlingen um ihren Hals schienen locker angelegt. Aber was anfänglich nach der Erhaltung einer – allerdings scharf bewachten – politischen Eigenständigkeit aussah, war nicht mehr als eine Atempause.