Lohnt es sich? Lohnt sich ein Disput um einen einzigen Buchstaben des Alphabets, dazu noch des russischen? Es handelt sich hier um die Frage, ob die deutschen, des Russischen unkundigen Leser so genau wie möglich mitgeteilt bekommen, wie der Autor heißt, der "Krebsstation", "Erster Kreis der Hölle", "August Vierzehn" geschrieben hat. Solschenizyn? Nein, so heißt er im Russischen eben nicht. Aus der Schreibweise Solschenizyn kann man keineswegs erkennen, daß der Laut, der mit sch wiedergegeben ist, nicht sch (wie etwa in Schauder) gesprochen werden muß, sondern daß es sich um einen anderen, stimmhaften Laut handelt, wie ihn bei uns etwa das j in Journal oder Jongleur ausdrückt. Beide Laute, der stimmhafte und der stimmlose, stehen an ganz verschiedenen Stellen des russischen Alphabets und werden durch je einen Buchstaben bezeichnet.

Da es sich beim Deutschen und Russischen um in vieler Hinsicht verschiedenartige Sprachen handelt, haben sie auch verschiedene Alphabete, die nur zum Teil miteinander übereinstimmen. Wo es nicht möglich ist, den Buchstaben eines Alphabets durch einen Buchstaben des anderen Alphabets (direkt) wiederzugeben, da muß man sich nach Möglichkeit einen indirekten Weg suchen. Für jenen Laut, wie wir ihn in Journal (j) finden, gibt es im deutschen Alphabet keine Entsprechung. Würden wir aber dafür platterdings sch setzen, wie das die Verlage Langen Müller und Luchterhand mit Solschenizyn tun, so hätten wir für zwei verschiedene Laute, völlig irreführend, nur eine Graphie, eine einzige Buchstabenkombination. Welcher Laut gemeint wäre, wäre bedauerlicherweise nicht erkennbar.

Um diesem Mißstand zu begegnen, ist man bei uns mehr und mehr dazu übergegangen, für den Laut, der dem j in Journal entspricht, bei Transliterationen aus dem Russischen ein sh zu setzen. Das ist zwar ein Surrogat für einen Buchstaben, den es bei uns nicht gibt, ist aber weit besser als das Einsetzen der Buchstabenkombination sch, die schon für einen anderen Laut vergeben ist.

Es drängt sich in diesem Zusammenhang die Frage auf, warum die Übersetzer Alexander Kaempfe (Langen Müller) und Swetlana Geier (Luchterhand) diesen Weg nicht gegangen sind. Oder waren die Verlage die Schuldigen? Derselbe Laut findet sich auf den fast 800 Seiten des Textes oft und wird von Swetlana Geier in erfreulicher Konsequenz immer, von Kaempfe fast immer mit sh wiedergegeben. Es sind nicht die einzigen Beweise für das intakte sprachliche Gewissen der Übersetzer.

Es müßte ja auch, meine ich, mit dem Teufel zugehen, wenn sie es ohne Murren zuließen, daß das russische sh (in der wissenschaftlichen oder bibliothekarischen Umschrift ž geschrieben) in die Zwangsjacke des deutschen sch gepreßt würde.

Was diese Transliteration betrifft (bei weitem nicht die einzige Schwierigkeit beim Übertragen aus dem Russischen), so ist die DDR, den Russen und dem Russischen näher als die Bundesrepublik, fortschrittlich und vorbildlich. Dort wird der genannte stimmhafte Laut grundsätzlich nur mit sh wiedergegeben. Da wäre also die Schreibung Alexander Solshenizyn selbstverständlich. Wäre. Nur: Dort schreibt man weder Solschenizyn noch Solshenizyn. Der Autor ist ja, da in Moskau persona ingrata, schlechterdings gar nicht vorhanden. René Drommert