R. P., Reykjavik, im August

Da kommt man von der Schach-Weltmeisterschaft in Reykjavik zurück und stellt fest, daß die eigentliche Aufregung zu Hause stattfindet: Das höfische Kriegsspiel, vor fünfzehnhundert Jahren für gelangweilte indische Duodezfürsten und ihre beschäftigungslosen Generäle erfunden, ist jetzt erst so richtig entdeckt worden.

Die meisten von uns sind blutige Anfänger, aber dennoch sind wir auf seltsame Weise gepackt. Viele, die seit ihrer Schulzeit kaum noch Schach gespielt haben, holen sich unversehens Brett und Figuren von den Kindern und ziehen die Meisterschaftspartien nach. Andere, die einen Läufer nicht von einem Springer unterscheiden können, stellen aufgeregte Fragen. Wer hätte geahnt, daß das königliche Spiel die Gemüter dermaßen erregen würde? Gewiß spielt da Politisches mit hinein. Aber das ist verdrängt worden. Ein Hauch von Mysterium liegt über dem Spiel – und das Faszinosum, das stets vom Wettstreit zweier Großer ausgeht.

Da sitzt Boris Wassiliewitsch Spasskij. Nach außen gibt er sich stolz und selbstbewußt, aber innerlich verzehrt er sich. Ehe die Meisterschaft begann, hatte ich nur eine vage Vorstellung von ihm; er war eben einer der russischen Großmeister. Inzwischen hat er ganz andere Züge gewonnen. Er wirkt wie der Prototyp jener fehlsamen Gattung Mensch, den ein tragisches Schicksal gegen ein trickreiches, allwissendes Wesen vom Olymp angesetzt hat.

Der Uneingeweihte mag sich fragen: Warum die ganze Anstrengung und Belastung, warum all die Aufregung und die Schwierigkeiten? Hier scheint ein ganz anderes Spiel gespielt zu werden als jenes schwerfällige Schach, das so viele von uns vor sich hinstümpern. Auch die Großmeister spielen zwar nur mit acht Figuren und acht Bauern auf 64 Feldern. Doch sie verfallen auf die phantastischsten Kombinationen. Und in jeder einzelnen spiegelt sich: nun, eben ein Individuum. Noch kein einziger Schachcomputer hat bisher die Meisterklasse erreicht...

"Der Neuling ahnt nichts von dem Chaos, das sich hinter den 64 Feldern auftut", sagte mir ein jugoslawischer Großmeister. "Das Brett sieht aus wie ein ordentlicher kleiner Garten, aber in Wirklichkeit ist es ein riesiges unerforschtes Gelände."

Viele können nicht begreifen, daß nach hundert Jahren wissenschaftlicher Erforschung des Schachspiels nicht sämtliche Züge längst durchdacht und bedacht worden sind. Die Erklärung liegt in einer einfachen Rechenaufgabe: Nach dem, zehnten Zug geht die Anzahl der möglichen Situationen, die sich durch einen einzigen weiteren Zug ergeben, in die Billionen. Es gibt vielerlei Eröffnungszüge, aber gebräuchlich sind nur, etwa zwanzig. Mit Varianten multiplizieren sie sich nach wenigen Zügen schon in verzwickter Weise zu einer schwindelerregenden Zahl. Ein Spezialist brauchte kürzlich volle 250 Seiten, um Bobby Fischers Lieblingseröffnung zu analysieren, den Ruy Lopez.