ZDF, täglich außer samstags: "Die Drehscheibe"

Im Werbefernsehen, zwischen "Omo", "Rama", "Stuyvesant" gepackt, wird Unterhaltung um jeden Preis gemacht, dürfen die Sehgewohnheiten des Zuschauers nicht angetastet werden, weil er sonst verschreckt auf den anderen Kanal überwechseln könnte. Ob es sich um Show oder Quiz, um Western-, Krimi-, Science-Fiction-, Abenteuer- oder Familienserien handelt: allemal wird die Autorität der Quizmaster, Eltern, Lehrer, Ehemänner, Politiker, Helden, Götter und Kapitalisten bestätigt, werden die Reichen gütig, die Armen fleißig, die Indianer tückisch dargestellt, wird die Ausbeutung der Menschen teils geleugnet, teils als schicksalhaft interpretiert, wird der Krieg verniedlicht, der Erfolg verherrlicht, Prominenz als Vorbild präsentiert, werden reale gesellschaftliche Widersprüche durch scheinhafte ersetzt und im Quiz oder Krimi "gelöst", werden die Allgegenwärtigkeit und der stereotype Sieg der Ordnungskräfte gezeigt.

Beiträge über Kultur haben in der "Drehscheibe" primär eine repäsentative, Macht demonstrierende Funktion, politische Themen kommen nur selten und dann in vermittelter Form vor, und werden soziale Probleme behandelt, so geschieht es einzig mit dem Ziel, diese Probleme schönfärberisch zu verdrängen. Dagegen nehmen Staatsbesuche im Weltbild, das die "Drehscheibe" propagiert, einen wichtigen Platz ein.

Verordnet wird diese Kost von einigen jungen Moderatoren in modisch stockender Sprechweise und lächelnder Unverbindlichkeit. Es sind geschniegelte Damen und Herren mit ondulierten Haaren, deren Typus im Werbeblock mit ähnlichen Leerformeln für Zahnpasta, Rasierwasser, Zigaretten, Sekt, Sparkonten und Pfandbriefe streitet. Sie reden teils betulich, teils schnoddrig, biedern sich als Helfer und Ratgeber in Alltag an, geben dem Konsumenten die Fiktion einer geordneten und überschaubaren Welt, in der er die angebotenen Waren ruhig genießen kann.

Nun könnte man fragen, was denn gegen Kochrezepte, Lebenshilfe, Haushaltsmessen, Fachwerkhäuser, Cembalomusik, Porzellan einzuwenden sei. Ist es schlimm, wenn das Fernsehen solche Harmlosigkeiten zeigt? Im Gegenteil, gute Ratschläge oder Warnungen haben einen begrenzten Nutzen, und ich bin durchaus dafür, daß man die Fachwerkhäuser und die Kunstwerke erhält. Wenn sich aber eine regelmäßige Informationssendung nur aus banalen Ratschlägen, kostenlosen Reklamespots, politisch konservativen Meinungen, Berichten aus der Welt des Adels oder der Showstars und verkommenen Kunstvorstellungen zusammensetzt, dann ist das schlimm. Ob Absicht oder nicht, es entsteht ein Muster, das eine bestimmte Ideologie verrät: die der Gegenaufklärung, der Lüge, des strategischen Massenbetrugs.

Alle Nachrichten, die die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung wirklich betreffen, werden verschwiegen: Informationen über Gewerkschaftsfragen, Lohnkämpfe, Kurzarbeit, Bodenspekulation, Mietwucher, Obdachlose, Gastarbeiter, Lehrlingsausbeutung, Pressekonzentration, Bildungsmöglichkeiten und so weiter. Die Macher der "Drehscheibe" denken nicht daran, den materiellen und ideellen Bedürfnissen der Menschen als Sprachrohr zu dienen, ja die vielen selbst langsam sprechfähig zu machen. Seit acht Jahren reden sie über die Massen hinweg.

Wesentlich genauer informiert dagegen das Feierabendmagazin der ARD "Blick ins Land", das vom Landesstudio Rheinland-Pfalz täglich um 18.35 Uhr ausgestrahlt wird. Hier haben wichtige Beiträge eine Länge von zehn bis zwölf Minuten, Zeit genug, um die politischen und ökonomischen Zusammenhänge eines Themas auszubreiten, Schrifttafeln und graphische Darstellungen einzublenden, längere Interviews durchzuführen. Hier wird, wenn auch zaghaft, liberale Kritik geübt, vereinzelt sogar für den kleinen Mann und gegen die Experten Partei ergriffen. Fast alle politischen Richtungen kommen zu Wort.