Von Hugo Lueders

Dieses Buch ist ein Engagement; für den, der es geschrieben hat; für den, der es liest!" Mit diesem Satz stellt der Autor sein neuestes Buch mitten in die politischen Ereignisse Frankreichs: Ein aktuelles, kein theoretisches Buch, schnell geschrieben, schnell lesbar, unter einem Leitgedanken, mit dem Garaudy "den kapitalistischen Alptraum wie die stalinistische Technobürokratie" zu zerschlagen glaubt: Selbstverwaltung.

Roger Garaudy "L’Alternative". Verlag Robert Laffont, Paris 1972. 252 S., 14,– F

Für den politischen Philosophen Garaudy kann die Antwort auf den Kapitalismus nur der Sozialismus sein, aber der Sozialismus der Arbeiterselbstverwaltung und nicht die zentralistisch bürokratische Deformation der sozialistischen Hoffnung, wie Garaudy mit Bloch sagt. Beinahe jede Seite behandelt sein großes Thema: "Die Selbstverwaltung ist eine Pädagogie der Revolution und eine Revolution der Pädagogie." Dieser Schlüsselbegriff der Selbstverwaltung ist alles andere als neu, aber auch nicht mehr überraschend als Antwort antiautoritärer Sozialisten auf die Wirklichkeit der gesellschaftlichen Entwicklung.

Doch nach der Unterzeichnung des Koalitionsabkommens zwischen der Sozialistischen und der Kommunistischen Partei Frankreichs ist diese Problematik aktueller denn je. Immerhin gehört Garaudy zu den französischen Sozialisten, die davon ausgehen, daß man ohne die KPF in Frankreich nichts Bedeutendes erreichen kann, daß man aber gleichzeitig überhaupt nichts erreichen kann, wenn sich diese Partei nicht grundsätzlich ändert: zurückfindet zur marxistischen Methode, zum Selbstverwaltungsmodell der Pariser Kommune und zur Bürokratismuskritik Lenins.

Für den Beobachter ist deshalb von besonderem Interesse, in welchem Zusammenhang Garaudy heute die Prinzipien sozialistischer Selbstverwaltung entwickelt. So stellt er (etwas fern der Wirklichkeit) drei Stadien heraus: Erstens, die Organisation von Basisgruppen in den Betrieben, Universitäten und Schulen. Zweitens, der Generalstreik. Drittens, die Übernahme der Verwaltung durch Arbeiterräte. Die Vergesellschaftung der Produktionsmittel als orthodoxe Verstaatlichung ohne Verwirklichung der Arbeiterselbstverwaltung scheint ihm angesichts der bisherigen sozialistischen Modellen faktisch wie theoretisch überholt.

So ist dies Buch denn auch eine leidenschaftliche Anklage des ehemaligen Politbüromitglieds Garaudy gegenüber jenen Deformationen des sozialistischen Etatismus. Aber die Kritik des Kapitalismus und des Stalinismus ist nur der Rahmen, in den Garaudy seine konstruktive Antwort hineinstellt. Er verliert sich nicht in der Polemik, sondern er wagt eine erste Antwort, die über Marx hinausgeht.