Eine Parallele sollte jedenfalls vermieden werden: Wo im Bayreuther "Tannhäuser" statt des Pilgerchors in Büßerkutten schlichte Menschen in ziviler Arbeitskleidung auf der Bühne erschienen, durften nun in München, in der Eröffnungspremiere der Olympia-Festspiele, keinesfalls wieder Proletarier ein Opernfinale bestreiten. Man übersah also kurzerhand die entscheidende szenische Anweisung in Isang Yuns Koreanischer Legende "Sim Tjong", die als Auftragswerk der Bayerischen Staatsoper geschrieben wurde, und funktionierte den Ausgang des Werks einfach um. Das Wunder des Wiedersehen-Könnens widerfährt in der Münchner Uraufführung nur dem alten Vater der Titelheldin Sim Tjong – obwohl es im Buch ausdrücklich heißt: "Von allen Seiten kommt Volk auf die Spielfläche, darunter viele Kranke, Blinde, Krüppel und armselige Gestalten. Sim Tjong hat ihre Lotosblüte einem Höfling gegeben, der sie weitergibt. Mit der Wunderblüte werden alle Kranken geheilt; vervielfältigte Wirkung, Reaktionen des Staunens und der Freude. Die Menge nimmt allmählich die Mitte der Spielfläche ein."

Es war eine opulent ausgestattete Aufführung, die so schön aussah, daß Krüppel und andere armselige Gestalten wohl tatsächlich das feine Publikum verletzt haben würden. Für einen "Schock" genügte schon die Musik, die nicht immer gerade ein Ohrenschmaus ist, sondern fernöstliches Kolorit mit Anklängen an altkoreanische Hofmusik und Folklore oft recht schmerzlich mit den kühnen Klang- und Geräuschkomponenten der westlichen Avantgarde durchsetzt, mit schrillen Aufschreien des bizarren Orchesterklangs und unverständlich bleibenden mystischen Chören.

Isang Yun fährt in seiner neuen Oper fort mit der Verschmelzung fernöstlicher Praktiken und neuesten westlichen Errungenschaften. Der in Westberlin lebende Koreaner (seit zwei Jahren aus dem Staatsgefängnis von Seoul wieder entlassen) erreicht diesmal nicht die Bündigkeit seiner beiden Tao-Parabelstücke, die er in der Oper "Träume" (Nürnberg 1969) vereint hatte. Das Raffinement seiner musikalischen Sprache, die flirrende oder peitschende Orchestergestik, die vokalen Glissando- und Registerwechsel haben sich schon etwas abgenützt, beziehungsweise: in einer abendfüllenden Oper hat man sich nach einer halben Stunde schon zu sehr an sie gewöhnt, ihr Reizwert nimmt ab.

Es mag aber auch sein, daß uns die konfuzianische und taoistische Philosophie des Märchens von "Sim Tjong" zu fern liegt, daß eine Beschäftigung mit ihr vor dem Besuch der Aufführung nötig ist, um ihren Sinn erfassen zu können (denn bei den Chören, den Trägern des mythischen Geschehens, versteht man nicht eine einzige Silbe Text). Wie auch immer, zweieinhalb Stunden lang bleibt man nicht interessiert.

Das Ereignis der Aufführung ist die junge Sängerin Lilian Sukis als Sim Tjong: ein in die Welt zurückgeschickter Engel, der sich für seinen blinden Erdenvater opfert, aus dem Gelben Meer, aus dem Reich des Drachenkönigs als Lotosblume aber wieder emporsteigt, um Kaiserin zu werden und Wunder zu vollbringen. Lilian Sukis singt ihren Part selbst in den häufig schwindelerregenden Höhen mit einer lyrischen Intensität, durch die sie an diesem Abend in die Spitzengruppe der internationalen Sängerelite vorrückte.

Wolfgang Sawallisch dirigierte Yuns Musik farbig und doch klar differenzierend. Günther Rennert tat nicht allzuviel dazu, die Episoden des Märchens wenigstens in ihren komödiantischen Momenten etwas aufzumöbeln; er überließ seine Inszenierung mehr oder weniger dem Einfallsreichtum. Jürgen Roses, der die himmlischen Chöre, in reich ornamentierten Wolken rechts und links ständig auf der Bühne, in kostbare altkoreanische Kostüme steckte und auch die Szenen unterm Meere, beim Drachenkönig und seinen lianenhaften Bräuten, zu einer optischen Orgie machte. So ging "Sim Tjong" festivalwürdig und olympiareif auf Bundesdeutschlands Staatsbühne Nummer eins, im pompösen Münchner Nationaltheater, erfolgreich über die Bretter. Wolfram Schwinger