München

Die weltbekannten Münchner Renommier-Bauwerke haben Konkurrenz bekommen: Überall in der Olympiastadt, besonders aber an und um die schon vielgeliebte neue Fußgängerzone, in Schwabing und im sonst schon traditionell vernachlässigten Ostbahnhofviertel. Täglich fallen Gerüste, wird Sackleinen zusammengerollt: In den Straßen ist jetzt der Blick frei auf bunte, verspielte Gründerzeit- und Jugendstilfassaden. Und selbst die standhaftesten Grantler reiben sich verwundert die Augen und gestehen angesichts solcher Putzsucht: "So schee war unsa Münchner Stadt no nia."

Tatsächlich rankt sich Stuckgeäst die Fassaden hoch, blühen steinerne Blumen, leuchten Sonnen, Wappen und Gesichter, werden märchenhaft; schöne Balkone sichtbar, die vorher auch schon da waren und die doch keiner gesehen hat im versmogten Gelbbraun oder Grau der Häuser.

Mehr als 200 Malerfirmen werkelten monatelang von früh bis spät, die fünfzig Stukkateure, die es noch gibt, hätten hundert Hände haben können. Immerhin: 1500 Häuser sind renoviert.

Aber nicht nur vom Spiel der wiederentdeckten Formen geht die große Wirkung aus. Kräftige Farben berauschen Münchner und Fremde. Wer von "süddeutscher Einfärbung" spricht, kann das auch ruhig wörtlich nehmen. Die Bayern sind Augenmenschen und die Farbe war hierzulande schon zu allen Zeiten ein wesentliches Gestaltungsmittel. An manchen Plätzen der Stadt muß man angesichts solcher leuchtender Frische an die Bilder der Naiven, der Sonntagsmaler denken; renovierte Bauernschränke kommen einem in den Sinn.

Mehr als 25 Millionen Mark haben Münchner Hausbesitzer in den letzten Jahren ausgegeben, um typisch Münchnerisches wieder zum Leben zu erwecken: Metzger-Barock und Bäckermeister-Klassizismus, die wie Gründerzeit- und Jugendstilfassaden jahrzehntelang geschmäht wurden, weil sie die Kunstkritik als minderwertig eingestuft hatte.

Inzwischen hat sich jedoch ein entscheidender Wandel vollzogen. Die Stadt hat mit viel Unterstützung. von Presse, Funk und Fernsehen das "Kulturbewußtsein der Bürger aktiviert" (so eine städtische Broschüre). Das fällt freilich in Bayern nicht allzu schwer, wo den Leuten die Liebe zum Zurschaustellen, zum Prangen, meinetwegen auch ein bißchen zur Protzsucht eigen ist. Farbgefühl und Kunstsinn und ein neuer (Kunst-)Besitzerstolz sind wach, der Modernisierungsfimmel ist eingedämmt. Seit fast drei Jahren, so berichtet München-Verschönerer, Baudirektor Erhard Pressl, ist kein Stuck mehr abgeschlagen worden. Die Devise, modern ist, was glatt ist, gilt nicht mehr.