Fürchtet der Papst den Satan?

Von Hansjakob Stehle

Rom, im August

Danken und eine Silbermedaille senden! – eine goldene, wenn er still gewesen wäre ..." So schrieb mit zierlicher Schrift Paul VI. auf den Brief, mit dem ihm ein spanischer Priester eine rühmende Papst-Biographie geschickt hatte. Die Randbemerkung, in der Humor aufzublitzen scheint, verrät eher Bitterkeit. Denn dieser Papst, der vom katholischen Klerus und Kirchenvolk weniger beweihräuchert und mehr kritisiert wird als alle seine Vorgänger in diesem Jahrhundert, trägt auch schwerer an der Bürde seines Amtes als irgendeiner der letzten Papste. Ist er deshalb amtsmüde? Oder gar zum Rücktritt entschlossen, wenn er selbst am 26. September jene Altersgrenze von 75 Jahren erreicht, die er den Bischöfen der katholischen Kirche als Pensionsalter verordnet hat?

Spekulationen und Gerüchte, die um diese Frage kreisen, verstummen schon seit Jahren nicht – seit Paul VI. 1966 zum Castel von Fumone, siebzig Kilometer südlich von Rom, gepilgert war, um dort in dem Felsenkerker zu beten, in dem 1296 Zölestin V. gestorben war: der einzige Papst, der je abgedankt hat, nachdem man ihn ein halbes Jahr zuvor seiner Einsiedelei in den Abruzzen entrissen und auf den Thron gesetzt hatte. Ein heiliger Asket, dem die Macht, auch die über Seelen, so fremd war, wie sie seinem Nachfolger, Bonifatius VIII., vertraut und notwendig erschien. Dante hat den einen wegen Feigheit, den anderen wegen Herrschsucht in das Inferno der "Göttlichen Komödie" verbannt.

Doch keine dieser Eigenschaften kann man dem Mann nachsagen, der vor neun Jahren – während des Vatikanischen Konzils – zum Papst gewählt wurde.

"Wir haben niemals auch nur im geringsten Unsere Wahl gewünscht oder auch gesucht", sagte Paul VI. am 21. Juni 1972, als er während einer Generalaudienz auf ganz ungewöhnliche Art über sich selbst zu sprechen begann. Es habe ihn nach der Papstwahl "geradezu ein Schwindelgefühl" ergriffen, er sei sich bewußt gewesen, "welche Vorbereitung für ein so erschreckend hohes Amt nötig ist und welche Charismen Uns fehlten", und er zitierte dann eine damalige Tagebuchaufzeichnung, die er nicht als einen "Akt eitler Demut" verstanden wissen will: "Vielleicht hat mich der Herr zu diesem Dienst berufen ..., damit ich ein wenig für die Kirche leide und es offenkundig wird, daß er und kein anderer sie leitet und rettet."

"In der Kirche herrscht Ungewißheit", sagte Papst Paul am 23. Juni, als er vor mehreren tausend Pilgern, die seinen 9. Krönungstag feiern wollten, plötzlich vierzig Minuten lang improvisierte und gleichsam laut zu denken begann (so daß nicht einmal der Stenograph des Osservatore Romano mitkam). "Man glaubte nach dem Konzil, daß ein Tag der Sonne für die Kirche komme, aber es sind Wolken aufgezogen, Stürme, Dunkelheit. Es gibt Zweifel, Unsicherheit, Unruhe, Unzufriedenheit, Konfrontation. Man vertraut der Kirche nicht mehr, man glaubt dem ersten hergelaufenen Propheten, der uns aus irgendeiner Zeitung oder einer sozialen Bewegung anspricht, um ihm dann nachzulaufen und von ihm die Formel des wahren Lebens zu erlangen. Wie konnte das geschehen?"

Fürchtet der Papst den Satan?

Die Antwort auf die bange Frage liegt für Paul VI. offenbar immer weniger im Bereich des Rationalen. Die soziologisch und psychologisch angelegten Analysen der modernen katholischen Pastoral-Theologie erscheinen ihm immer mehr als Ausdruck, nicht als Antwort auf die religiöse Auszehrung der Industriegesellschaft. Und die Reformen, durch die er selbst die Anpassung der Kirche an die gewandelte Welt vorantrieb, sieht er seiner leitenden Autorität entgleiten. Warum? Papst Pauls Antwort, deren Stichwort er am 29. Juni zum erstenmal gab, ist in jedem Sinne entwaffnend:

"Wir haben das Gefühl, daß durch irgendeinen Spalt der Rauch des Satans in den Tempel Gottes eingedrungen ist... Es ist zum Eingriff einer feindlichen Macht gekommen, ihr Name ist ,Teufel‘ (diavolo)... Wir glauben, daß etwas Außernatürliches in die Welt gekommen ist, nur um zu stören, die Früchte des Konzils zu ersticken."

Der Papst hat damit den Sprung (oder sollte man sagen: die Flucht?) in die reine Irrationalität gewagt und sich der These angeschlossen, die der Schweizer Bischof Nestor Adam aus Sion während der Bischofssynode 1971 als einzige Erklärung aller Schwierigkeiten der Kirche ins Feld geführt hatte: Schuld sei der böse Feind, "von dem man heute nicht sprechen darf, ohne sich einem nachsichtigen Lächeln auszusetzen, nachdem es sogar Theologen gibt, die dem Teufel und seinem Anhang Lebewohl gesagt haben und einer von ihnen sogar in einem Buch Abschied vom Teufel nahm". Gemeint war der Tübinger Professor Herbert-Haag, der geschrieben hatte: "Laßt euch durch keinen Teufelsglauben beunruhigen, sondern nehmt die Sünde ernst, nehmt die Gnade ernst." Die römische Glaubens-Kongregation hat 1971 gegen den Theologen ein "Lehrprüfungsverfahren" (Prot. Nr. 96/67) eingeleitet, weil diese Behauptungen "sich nicht mit der Lehre... über die Existenz des Teufels vereinbaren lassen und indirekt der katholischen Engel-Lehre widersprechen." (Brief Kardinal Sepers in Haag.)

Nicht theologische Feinheiten haben freilich den Papst dazu bewogen, bei der Erklärung Zuflucht zu suchen, dämonische, nicht menschliche Kräfte seien am Werk; für den Papst ergibt sich vielmehr, "daß Wir eben deshalb in diesen Augenblick mehr denn je fähig sein möchten, unsere von Gott anvertraute Funktion auszuüber" – das heißt: Vor Teufelsmächten zurückzuweichen oder zurückzutreten, besteht keine Notwendigkeit für einen römischen Petrus, dem biblisch verheißen ist, auf ihn sei die Kirche gegründet "und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwinden".

Das steht rings um die Kuppel von St. Peter in Rom geschrieben. Solange dieses Wort verlangt, daß das ganze Gewicht der katholischen Kirche auf diesem Fundament laste, könne der "getreue Diener" sich nur zur Verfügung halten, hieß es in einem Kommentar des Vatikanischen Rundfunks, nachdem eine (monatelang nicht publizierte) Ansprache Pauls VI. vom 24. April bekanntgeworden war:

"Der Herr hat die Kirche geschaffen, nicht ich! Gewiß, es ist weder leicht noch angenehm, bestimmte Verantwortungen und Lasten zu tragen. Aber Er hat gesagt: Du bist der Apostel, und auf dich will ich meine Kirche bauen ... Das weist hin auf die Last der Kirche. Es wäre schön, sie abschütteln und sagen zu können, ich will nicht! Und ihr, könnt ihr nicht eine Hand geben, wenigstens euer Verständnis zeigen ...?"

Danach kann kein Zweifel mehr sein, daß sich Paul VI. tatsächlich mit Rücktrittsabsichten getragen hat, daß dieser Gedanke ihn immer noch bedrängt, aber daß er ihn von sich weist, weil – wie es ein Vatikanbeamter mit saloppem Pessimismus ausdrückte – "der Kapitän nicht das sinkende Schiff verläßt". Deshalb hat der Vatikan nicht (wie Gerüchte besagten) das Castel des Einsiedler-Papstes Zölestin in Fumone herrichten lassen und auch nicht einen Alterssitz im Kloster Monte Cassino vorbereitet.

Fürchtet der Papst den Satan?

Er ist jetzt, wie jedes Jahr, in seinen Sommersitz Castel Gandolfo umgezogen – nicht ohne vorher durch den Substituten des Staatssekretariats, Erzbischof Benelli, erklären zu lassen, es gehe ihm gesundheitlich gut. Daß auch die Kirche "nie so lebendig, vital und kraftvoll war wie heute" (so Benelli im Vatikansender), dürfte er indessen mit Staunen vernommen haben. Der stickigen Schwüle am Tiber entkommen, gibt sich der Papst – wohlversehen mit Beethoven-, Bach- und Brahmsplatten – auch in der frischen Luft der Albanerberge seiner Lieblingsbeschäftigung hin, die allerdings stets in fromme Kontemplation mündet: dem Grübeln – soweit die Aktenberge, die er sich nachschicken läßt, Zeit lassen.

"Manchmal lese ich, daß ich unentschieden, unruhig, ängstlich, unschlüssig zwischen verschiedenen Einflüssen sei", gestand er dem Pariser Weihbischof Daniel Pezeril. "Vielleicht bin ich langsam, aber ich weiß, was ich will. Und schließlich ist es mein Recht, nachzudenken ..." Und wer wollte dies einem Manne verwehren, der sich als 264. Stellvertreter in einer Nachfolge sieht, deren Anspruch – ernstgenommen – menschliche Maßstäbe übersteigt.