Von Dieter Buhl

Saigon im August

Der Mönch Tri Quang, seit Jahren einer der schärfsten Gegner des Saigoner Regimes, hüllt sich in Schweigen. In seinem kargen Zimmer in der An-Quang-Pagode hat er für den ausländischen Besucher lediglich ein Lächeln. Statt der unversöhnlichen Tiraden gegen die südvietnamesischen Machthaber, die so häufig Schlagzeilen gemacht haben, gehen ihm diesmal nur ein paar Höflichkeitsfloskeln über die Lippen. Der Kopf der intelligentesten und einflußreichsten Oppositionsgruppe Südvietnams übt sich in politischer Abstinenz. Er weiß, daß dies nicht die Zeit für Polemik gegen die Staatsführung ist. Gefragt ist jetzt ein Ausweg aus der Ungewißheit, die viele Menschen befallen hat. Doch den vermag auch Thich Tri Quang nicht zu weisen.

Südvietnam ist heute ein Land auf Abruf. Trotz aller militärischen Durchhalteerfolge steht und fällt es mit den politischen Entscheidungen, die andere treffen. Diese beunruhigende Erkenntnis vermochte keiner der Politiker zu kaschieren, mit denen ich sprach, ob sie nun der Regierung oder der Opposition angehören. Sie fragen sich, wie es weitergehen soll mit ihrem Land, wie lange die Amerikaner ihm noch hilfreich zur Seite stehen werden, welche Absichten Hanoi hegt.

Über den Norden gibt es in Saigon die geringsten Illusionen, Die vielerlei Pläne und Parolen der nordvietnamesischen Führung lassen keinen Zweifel zu. Das uralte Motto gilt noch: "Sinh Bac, tu Nam" – im Norden geboren zu werden, um in den Süden einzudringen. Vietnam soll wiedervereinigt werden – unter nordvietnamesischer Flagge.

Falls die südvietnamesische Nationale Befreiungsfront andere Wünsche haben sollte, so spielt das keine Rolle mehr. Die Hauptlast des "Befreiungskampfes" im Süden tragen längst die regulären Streitkräfte aus dem Norden. Im zentralen Hauptquartier für die Operationen in Südvietnam (COSVN), das von Kambodscha aus die Einsätze leitet, geben nur noch Nordvietnamesen den Ton an. Madame Binh schließlich, die vielzitierte Sprecherin der Revolutionsregierung bei den Pariser Verhandlungen, dürfte für ihre Reden mehr Auflagen aus Hanoi bekommen als Präsident Thieu für seine Erklärungen aus Washington.

Dem unbeirrten Nordvietnam sitzt am Verhandlungstisch eine Weltmacht im Wahlkampf gegenüber, ein Amerika, das über das Engagement in Vietnam gespalten ist. Ein "schwankender Schutzpatron", klagen nun auch viele Südvietnamesen, die sich noch vor kurzem mit ihrem Anti-Amerikanismus brüsteten. Präsident Nixon kann die Zweifel nicht zerstreuen. Seine Garantieerklärungen, er werde das amerikanische Engagement erst beenden, wenn tatsächlich eine Chance bestehe, daß Südvietnam nicht unter kommunistischen Einfluß oder kommunistische Herrschaft gerate, finden nur noch halben Glauben. Mindestens ebenso aufmerksam werden die Stimmen aus dem Senat und den Redaktionen, die Proteste von den Straßen und Universitäten registriert. Die Forderung, jegliche Verwicklung in Vietnam zu beenden, wenn Hanoi die amerikanischen Kriegsgefangenen freiläßt, hängt wie ein Damoklesschwert über Saigon.