Von Wolfgang Müller-Haeseler

Da soll sich einer einen Reim drauf machen: Kohle und Strom werden teurer, für Erdgas ist eine Preissenkung zu erwarten, und leichtes Heizöl war noch nie so billig wie in diesem Sommer. Energieprognosen sind wieder einmal zu einem Glücksspiel geworden. Niemand wagt zu sagen, ob die Pessimisten recht behalten, die heute schon von den vergangenen Zeiten des Oberflusses und der billigen Energie träumen. Denn schließlich könnten auch die Optimisten bestätigt werden, die auf die Kräfte des freien Marktes vertrauen und glauben, daß auch in Zukunft die Entdeckung neuer Ölfelder, neuer Erdgasvorkommen und die Erschließung neuer Energiequellen den steigenden Bedarf von Industrie und Haushalten decken werden.

Energieprognosen hatten in der Vergangenheit eines gemeinsam: Sie waren immer falsch. Einmal wurden die Vorausschätzungen von dem tatsächlichen Energiebedarf weit überrundet; das andere Mal hinkte der Verbrauch hinter allen Schätzungen hinterher. Das allerdings ist kein Grund, nun – wie es die Bundesregierung tut – auf jede Zukunftsplanung zu verzichten. Denn in großen Zügen läßt sich auch dann ein Trend voraussehen, wenn kurzfristige Schwankungen nicht geschätzt werden können. Dieser Trend aber deutet ganz klar auf eine Energielücke in der ersten Hälfte der achtziger Jahre hin. Und das könnte eine ernsthafte Gefahr für das wirtschaftliche Wachstum bedeuten.

In dem Jahrzehnt bis 1960 stieg der Primärenergieverbrauch um siebzig Prozent, in den darauffolgenden zehn Jahren um 60 Prozent. Bis 1980, so rechnen die Energieexperten fast übereinstimmend, wird der Verbrauch um 50 Prozent steigen, genauso wie in den nachfolgenden fünf Jahren bis 1985. Rechnet man alle Energiequellen – Kohle, Gas, Öl, Atom- und Wasserkraft – auf den gemeinsamen Nenner Steinkohleneinheiten (SKE) um, so wird die Bundesrepublik statt der 340 Millionen Tonnen des Jahres 1970 etwa 600 Millionen Tonnen im Jahre 1985 benötigen.

Wie soll diese gewaltige Menge Energie produziert werden? Diese Preisfrage hat bis heute noch niemand beantworten können. Die Furcht vor einer Energielücke geht um – und nicht nur in der Bundesrepublik. Der Energieexperte der Europäischen Gemeinschaft, Vizepräsident Wilhelm Haferkamp, hat nachdrücklich davor gewarnt, dieses Problem auf die leichte Schulter zu nehmen. Denn schon 1975 muß die Gemeinschaft 60 Milliarden Dollar an die erdölfördernden Länder zahlen, und bis 1985 muß die Atomenergie ein Viertel des Energiebedarfs decken, wenn in Europa nicht die Lichter ausgehen sollen.

In den USA hat bereits die große Angst vor dem Energiedefizit Einzug gehalten. Handelsminister Peter C. Peterson malte das Gespenst des black out ‚ des Fehlens der lebenswichtigen Energie, an die Wand. Europa, so glaubt Haferkamp, muß bis 1985 etwa 100 nukleare Kraftwerke fertigstellen. Wo und wie aber unter den gegenwärtigen Bedingungen diese Kraftwerke errichtet werden sollen, das kann auch er nicht sagen. Die Schwierigkeiten, die die deutschen Energieversorgungsunternehmen allein bei der Suche nach Standorten für Kernkraftwerke Inder dicht besiedelten Bundesrepublik haben, sind hinreichend bekannt.

Von unserer einzigen einheimischen Energiequelle, der Kohle, dürfen wir ohnehin keine Wunder erwarten. Denn der Steinkohlebergbau steckt seit Jahren in einer permanenten Krise. Unter den gegenwärtigen Bedingungen wird es ihm auch kaum gelingen, aus eigener Kraft seine Probleme zu meistern. Alle anderen Versuche, die deutsche Energieversorgung auf eigene, Beine zu stellen, blieben bislang im Anfangsstadium stecken.