Gibt es bald genug Lehrer?

Wie viele Schüler es in nur drei Jahren geben wird, weiß heute noch niemand, obwohl doch alle Kinder, die 1975 die Schulbank drücken, bereits geboren sind. Die drei kompetenten Gremien haben jetzt ihre Schätzzahlen vorgelegt – sie unterscheiden sich erheblich.

Für die Ständige Konferenz der Kultusminister (KMK) hat eine Arbeitsgruppe für 1975 zwölf Millionen Schüler errechnet. Für die Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung (BLK) hingegen, in der die Kultusminister ebenfalls vertreten sind, kam eine andere Arbeitsgruppe – die sich freilich ständig mit der KMK-Gruppe abstimmte – auf 12,3 Millionen. Das Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft (BMBW) dagegen, das realistischerweise auch die Drei- bis Fünfjährigen berücksichtigt, gelangt sogar zu einer Endsumme von 13,8 Millionen.

Selbst für einen so kurzen Prognosezeitraum also ein ganz schönes Statistikchaos. Niemand sollte sich durch die kleinen Ziffern hinter dem Komma verleiten lassen, das Problem zu bagatellisieren: 0,1 Millionen Schüler erfordern immerhin 3500 Lehrer – es geht also um eine Differenz von rund 60 000 Pädagogen. Noch grotesker wird die Diskrepanz für das Jahr 1980. KMK: 11,3 Millionen Schüler, BLK: 11,9 Millionen, BMBW: 13,9 Millionen.

Die neuen Zahlen beleuchten ein altes Problem: In der Bildungspolitik fehlen exakte Planungsdaten nahezu völlig. Unbekannt ist, wie viele Studenten ein Institut ausbilden kann, wie viele Abiturienten oder Akademiker eine Gesellschaft braucht. Wie viele Studierende brechen vorzeitig ab oder wechseln ihr Fach? Wie viele haben etwa Anglistik im Haupt- oder im Nebenfach belegt? Auf solche Fragen weiß in der Bundesrepublik keiner eine genaue Antwort. Empirische Bildungsforschung ist hierzulande fast eine tabula rasa, und in der Bildungsplanung, die auf verläßlichen Daten aufbauen müßte, stochern alle mit der Stange im Nebel; Bildungspolitik wird deshalb nicht selten zu seinem Vabanque-Spiel.

Am meisten grämen sich die Bildungsforscher selber über ihre geringen Möglichkeiten. Friedrich Edding, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, nannte bereits 1965 "die Vernachlässigung der Bildungsforschung" einen Grund für den "Notstand" in Schulen und Hochschulen. Der Leiter des Berliner Instituts, Hellmut Becker, beklagte 1969, daß die Wissenschaftler nur "mit großer Mühe die notwendigsten Untersuchungen auszuwählen bestrebt sind ... von alternativen Untersuchungen wagen wir nur zu träumen". Und die Bundes- ‚ regierung räumte in ihrem Bildungsbericht ’70 ein, daß "die Bildungsforschung noch in den Anfängen" steckt.

Das tat sie bereits vor einem Jahrzehnt. Damals, 1963, leisteten sich die Kultusminister die bisher wohl grandioseste Fehlprognose auf Grund mangelhafter Planungsangaben. Sie versprachen, daß die Schulen 1970 in einem "pädagogisch wünschenswerten" Ausmaß mit Lehrern versorgt sein würden, so daß es keinen Pädagogenmangel mehr gäbe. Tatsächlich fehlten zum angegebenen Zeitpunkt jedoch rund 170 000 Lehrer. Auch spätere Versprechen haben sich zumeist als unrealistisch erwiesen.

Nun wagen die Bildungsminister wieder eine Voraussage in die Zukunft – trotz ihrer unterschiedlichen Schülerzahlen. Der Vorsitzende der Bund-Länder-Kommission, der rheinland-pfälzische Kultusminister Bernhard Vogel (CDU), prognostiziert, daß ein "Ausgleich des Lehrerdefizits ... nach 1975 erwartet werden kann". Zuversichtlicher noch gibt sich der Bremer SPD-Bildungssenator Moritz Thape, gegenwärtig Vizepräsident der KMK: "Ich sehe, was den Lehrermangel angeht, recht optimistisch in die Zukunft." Thape hält für wahrscheinlich, daß "generell" nach 1975 kein Bedarf mehr besteht, in einigen Fächern wie Naturwissenschaften und Sport aber noch Lehrer fehlen könnten.

Gibt es bald genug Lehrer?

Das sind angesichts der schulischen Wirklichkeit kühne Ausblicke: in Rheinland-Pfalz beispielsweise wurden im Februar dieses Jahres noch fast 3000 Grund- und Hauptschulklassen mit mehr als vierzig Kindern gezählt, 23 Klassen hatten sogar mehr als 55 Schüler. ("Wünschenswert" sind 25 Kinder pro Klasse.) Und: In der Bundesrepublik wird an Gymnasien jede zehnte Stunde, an Berufsschulen jede vierte, an Grund- und Hauptschulen sogar jede dritte Stunde von einem Lehrer ohne die Lehrbefähigung für das betreffende Fach unterrichtet.

Der tatsächlichen Lehrersituation kommt deshalb wohl auch der Bundesbildungsminister Klaus von Dohnanyi (SPD) näher als die Länderminister, die ja für genügend Pädagogen und Schulzimmer verantwortlich sind und das Problem deshalb gern herunterspielen. Dohnanyi und sein Ministerium ziehen andere Schlüsse aus den Zahlen: "Auch im Jahre 1980 kann der Lehrerbedarf noch nicht gedeckt werden."

Hayo Matthiesen