Im bevorstehenden Wahlkampf will die Opposition die Regierung vor allem auf dem innenpolitischen Feld attackieren, und die Regierung, obwohl an dieser Stelle verletzlich, will nicht ausweichen. Die Absicht der CDU/CSU, so Bundeskanzler Brandt, werde eine vorzügliche Gelegenheit bieten, über die Notwendigkeit der inneren Reformen zu diskutieren.

Das klänge vielversprechend, lehrte die bisherige Debatte nicht, daß die Kontrahenten zwar unausgesetzt von eben jener Notwendigkeit reden, einander aber in dem Augenblick, in dem es um die nötigen Konsequenzen geht, unter Ideologieverdacht stellen: will der eine angeblich, die sozialen Gebrechen weiter schwären lassen, so macht der andere, angeblich, Anstalten, die Gesellschaft nun zu Tode zu kurieren. Unter dieser Ideologisierung leidet die Sachgerechtigkeit und, am Ende, die Reform selbst.

Das traurige Schicksal des Bildungsgesamtplans etwa ist von dem Argwohn diktiert worden, daß die Union das Dreiklassensystem des Schulwesens konservieren, die SPD hingegen die Einheitsschule durchsetzen wolle; das jüngste Beispiel liefert die Diskussion über die sozialdemokratischen Vorschläge zur Reform des Bodenrechts, die sich auf den Vorwurf zu verengen beginnt, daß die SPD Grund und Boden doch sozialisieren, und umgekehrt, daß die CDU/CSU an geradezu feudalistischen Eigentums- und Verfügungsverhältnissen festhalten wolle.

Im Wahlkampf wird diese Unsitte, den Ideologieverdacht zu kultivieren, anstatt über das von der Sache her Gebotene zu reden, wohl erst recht grassieren. Um so wichtiger ist es, daß das Bewußtsein von den notwendigen gesellschaftlichen Änderungen durch Polemik und Unterstellungen nicht getrübt wird. Einen Beitrag dazu leistet der von Hans Dieter Kloß herausgegebene Sammelband:

"Damit wir morgen leben können." Innere Reformen – politische Antworten auf Mängel im Industriestaat. Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart 1972; 160 Seiten, brosch., 14,– DM.

Das Buch beschreibt noch einmal das ganze Spektrum der notwendigen Reformen – vom Umweltschutz über die Gesundheits- und Bildungspolitik oder die Mitbestimmungsmodelle bis zur Verteidigungs- und Rechtspolitik und der Reform des öffentlichen Dienstes. Ein eigenes Kapitel ist den Problemen der politischen Planung gewidmet. Die verschiedenen Beiträge stammen aus der Feder berufener und bekannter Autoren: Peter Menke-Glückert, Oswald von Nell-Breuning, Carl Christian von Weizsäcker, Rudolf Wassermann, Thomas Ellwein, Reimut Jochimsen. Aus einer Artikelserie in der Stuttgarter Zeitung hervorgegangen, zeichnet sich das Buch durch pointierte und auf das Wesentliche konzentrierte Analysen aus. Dem Zwang zur journalistischen Kürze haben sich alle Autoren gebeugt.

Der größte Vorzug des Bandes besteht freilich darin, daß die einzelnen Themen nicht isoliert abgehandelt werden, sondern daß sich sowohl die Autoren als auch der Herausgeber, in einer Einführung und Zusammenfassung, bemühen, die Zusammenhänge und Querverbindungen zwischen den verschiedenen Reformen darzustellen, und dies bis in Einzelheiten hinein. So kommt nicht nur die geläufige Verknüpfung etwa von Bildungs- und Sozialpolitik zur Sprache, sondern zum Beispiel auch der Zusammenhang zwischen der Reform des Straf rechts und den Mängeln der öffentlichen Verwaltung oder zwischen der Entwicklung strukturschwacher Gebiete und dem bis heute nur in Ansätzen zugestandenen Anspruch auf Bildungsurlaub. Knappe Einführungen schlagen die Brücken zwischen den Kapiteln.