Seit ich wieder ein Fahrrad habe, interessiere ich mich auch erneut für Errungenschaften, die damit zusammenhängen; und ich werde aufs neue von Sorgen geplagt, es könnte meinem Fahrrad etwas zustoßen. Infolgedessen richte ich meine Lektüre danach ein. Ich lese aufmerksam über Ereignisse, die dem Fahrrad schaden oder ihm nützen können. Auch das Thema "Das Fahrrad im Wandel der Geschichte" ist mir vertraut geworden.

Ich könnte von der Sternstunde reden, da das Fahrrad in die Weltgeschichte einrollte; ich verzichte jedoch darauf. Wesentlich erscheint mir vielmehr der Hinweis, daß in einer nicht allzulang zurückliegenden Epoche das Fahrrad als ein Symbol der Freiheit und Freundschaft galt und in diesem Sinne auch benutzt wurde. Gemeint sind die Tage, da die holländischen Provos ihre Räder mit gleicher Farbe anmalten und dann gleichsam in ein und denselben Topf warfen. Das heißt: Wo sie eins sahen, benutzten sie es. Und wenn sie es nicht mehr benutzten, ließen sie es einfach stehen; der Nächste bitte! Es scheint, daß unter Studenten in Oxford ähnliche Gebräuche im Schwange waren, ohne daß damit allerdings ein Programm gesellschaftsverändernder Art verbunden war.

Heute hat das Fahrrad eine andere Aufgabe übernommen, und hier ist auch mein Fall zu erwähnen, der stellvertretend für viele gesetzt wird: Das Fahrrad ist Symbol des reinen, unverdorbenen, natürlichen Lebens geworden. Lokomotiven, Flugzeuge, Motorschiffe lärmen, stinken und verpesten die Luft. Autos treiben es sogar so schlimm, daß, wie deutsche Tierärzte festgestellt haben, in den Großstädten die Dackel, Pekinesen und Zwergpudel vom Lungenkrebs bedroht sind. Es ist also angebracht, auf größere Hunderassen auszuweichen, wie ich es bereits getan habe (Schäferhund); denn diese sind von den Auspuffgasen, die dicht am Boden schweben, nicht so in Mitleidenschaft gezogen. Aber ich habe noch mehr getan: Ich bin vom lärmenden Auto auf das leise Fahrrad umgestidgen. Ja, ich tue dies zu wiederolten Malen und sooft ich kann. Kaum bin ich mit dem Wagen zum Wald gefahren, hole ich das zusammengeklappte Fahrrad aus dem Kofferraum, falte es auseinander und schwebe jauchzend sowie völlig geruchlos und des Motorlärms ledig dahin.

Da wir nun einmal im Walde sind, will ich auch gleich auf eine neue Erfindung hinweisen: Schwedische Ingenieure – so meldet die Illustrierte Paris Match – haben ein Butterbrotpapier erfunden, welches für den Fall, daß es achtlos weggeworfen wird, die naturfrohen, antipollutionistisch gesinnten Menschen durch seinen häßlichen Anblick nicht lange ärgern kann, denn in spätestens sechs Wochen ist es durch Sonnenschein, aber auch Regen zerstört, in ein Nichts aufgelöst. Daß ausgerechnet schwedische Ingenieure bei dem unermeßlichen Reichtum ihrer Forste an das Papier im Walde dachten, ist ihnen hoch anzurechnen. So sei denn ihre Aufmerksamkeit auch auf Flaschen und dänische Bierkonserven gelenkt, ehe wir zum Fahrrad zurückkehren, das anmutig an einem Baume lehnt und von uns nicht aus den Augen gelassen wird. Denn zum Unterschied von den Provo-Rädern, die ohnehin allgemein benutzt werden, könnte es gestohlen werden.

Um so interessanter war mir daher eine allerneueste Nachricht aus Amerika: "Bike Gard", so heißt ein soeben in den Handel gekommener, am Fahrrad zu befestigender schwarzer Kasten. Wagt es jetzt ein Dieb, Hand an das Rad zu legen, oder auch nur ein Unbefugter, es zu bewegen: gleich bricht ein schreckliches Sirenengeheul aus, das im Umkreis von einer halben Meile Entsetzen auslöst und nur vom Fahrradbesitzer selber abgestellt werden kann, der dann auch bald mit seinem Schlüssel herbeieilt. Er ist also seines Besitzes absolut sicher. Denn kein Mensch, sei er selbst der Meisterdieb. aus dem Märchen, möchte so ein brüllendes, heulendes Fahrrad haben.

Man könnte sein Fährrad unangeschlossen nachts im Hausflur oder auf dem Trottoir stehen lassen: Sobald es losbrüllt, erstarrt den Schlafenden etagen- und häuser- und straßenweit das Blut in den Adern, Herzinfarkte stellen sich ein, angstschlotternd rennt der Dieb davon. Aber der Besitzer greift ruhig nach dem Schlüssel und kleidet sich gemächlich an.

Wat den anneren de Uhl, is em de Nachtigall. Modernes Leben!