ARD, Donnerstag, 3. August: "Einige Tage im Leben des Josef Neckermann", von Matthias Walden

Da komme mal einer und erkläre, daß es keine Helden mehr gebe! Da habe Friedrich Dürrenmatt die Stirn und wiederhole seine Behauptung, daß heute Kreons Sekretäre den Fall Antigone erledigten, weil die großen Heroen sich in der verwalteten Welt als Anachronismen ausnähmen. Was kümmern uns schließlich Carlos und Egmont? Was schert uns der Anti-Held Josef K.? Wir haben Josef Neckermann!

Mitten unter uns lebt eine Jahrhundertgestalt: eine mythische Figur (wie Goethe in Frankfurt zu Hause), ein großer Einsamer – der Beethoven des Versandhandels! An den Erfolg wie an eine Galeerenbank gekettet, nicht weit entfernt vom Grenzbereich der Erschöpfung, verkauft und reitet dieser Mann für die Nation, indem er alles um sich her versengt (Hochspannung geht von ihm aus) ... ein Riese, in dessen Person der Hegelsche Weltgeist endlich sein Ziel fand: Dem einzigen Neckermann ist es gelungen, das Spannungsverhältnis zwischen Herr und Knecht aufzuheben, denn Neckermann ist Herr und Knecht zugleich. (Herr seines Betriebes und seiner Familie – was ein und dasselbe ist: steht er doch einem Familienbetrieb vor, der sich als Betriebsfamilie darstellt – und Knecht der Diktatur, die er, wie man erfuhr, über sich selbst auszuüben beliebt.) Kurzum, ein großer Mann.

Und dabei so bescheiden und menschlich! Zuerst von der Familie sprechend und dann erst von seinem Betrieb – ein witziger Mann, der seine Prokuristensöhne gleichsam in Prokuristen und Söhne zerteilt. Wie er väterlich fiebert, wenn die Tochter einreitet, aber böse zu gucken beginnt, sobald die Konkurrentin und Rivalin ihrer reiterlichen Arbeit nachgeht!

Und wie er zu scherzen versteht, der hessische Heros, vor dem sich der Ministerpräsident seines Landes nicht minder entschlossen verneigte als der Generalbevollmächtigte des Axel Springer Verlages (Die ganze deutsche Presse steht wie eine Eins hinter Josef Neckermann) ... wie er zu scherzen versteht! Wie er die Mitbestimmung nicht nur als Unternehmer, sondern auch als Sportler zu erledigen weiß... mit einem Hinweis auf die Schnelligkeit der Entscheidung, der die paritätische Mitbestimmung abträglich sei. Überhaupt die Gewerkschaften! Keinen Pfennig haben sie für die Sporthilfe gegeben! Gottlob, daß es die Unternehmer gibt, diese wackeren Menschen, deren Preise, wie man erfuhr, viel niedriger lägen, gäbe es nicht diese elenden Streiks! (Für Frieden und Freiheit plädierend, pries Neckermann gleichwohl den Osten – wegen seiner Streiklosigkeit.)

Und ein Schelm ist das! Neckermann – ein Revolutionär! (Ich hatte schon in der Schule Schwierigkeiten – wegen meiner Reiterei.) Neckermann – ein Gegner des Monopolkapitalismus! (Eine Interessenvertretung mit hohem Kapitalbesitz, hörte man, bereite dem sozialen Marktwirtschaftler N. große Sorgen... eine Vertretung wie der DGB!)

Neckermann hier, Neckermann dort, Neckermann oben, Neckermann unten. Neckermann, der Anwalt des Reichtums (am Reichtum profitiert die Gesellschaft: Wer bei N. kauft, nützt dem Gemeinwohl) und der Anwalt der Leistung (nur diejenigen reden von der Unmenschlichkeit der Leistungsgesellschaft, die selbst nichts für die Gesellschaft leisten), Neckermann, in dessen Dunstkreis – man denke! – die Olympiade den Charakter eines Versandgeschäftes gewinnt: Josef Neckermann fand in Matthias Walden vom Springer-Konzern (die ganze deutsche Presse steht wie eine Eins .. .) den höfischen Sänger, dem es oblag, das alte Schauessen französischer Ludwige, veranstaltet zur Erbauung des Volkes, in eine josefinische Show zu verwandeln – eine feudalkapitalistische Moritat als Bildwurfsendung.