Warum, so fragt man sich, streiten eigentlich IG Metall und Arbeitgeberverband gerade jetzt über Arbeitslosenzahlen? Da stempelt Hans Mayr, zweiter Vorsitzender und Tarifexperte der IG Metall, den aus der CDU stammenden Präsidenten der Bundesanstalt für Arbeit, Josef Stingl, zum "Helfershelfer der Arbeitgeberpropaganda", und dies nur, weil Stingl routinemäßig festgestellt hat, daß die Arbeitslosenzahl heute um 45,8 Prozent höher sei als im Vorjahr. Da warnt der Arbeitgeberverband "Gesamtmetall" die IG Metall vor "vordergründigem Zweckoptimismus", denn – so mit warnendem Unterton – in der Metallindustrie seien in den ersten fünf Monaten dieses Jahres 31 500 Arbeitskräfte freigesetzt worden.

Und das alles, weil von 22 Millionen Beschäftigten 0,9 Prozent arbeitslos sind – zwar gut, 0,2 Prozentpunkte mehr als vor einem Jahr, dennoch eine Arbeitslosenquote, von der andere Industrieländer nur träumen. Ein sinnloser Streit also? Zumal es doch in einer entwickelten Industriegesellschaft ein ganz natürlicher Vorgang ist, daß die Zahl der Industriearbeiter sinkt, während immer mehr Menschen Arbeit in den Dienstleistungsbetrieben finden.

Nun, noch viereinhalb Monate, dann beginnt die größte Lohnschlacht in der Geschichte der Bundesrepublik. Eugen Loderer (IG Metall) und Heinz Kluncker (ÖTV) werden für rund sechs Millionen Arbeitnehmer in der Metallindustrie und im öffentlichen Dienst die Löhne für das Jahr 1973 aushandeln – oder erstreiten. Während Millionen von Arbeitern noch ihren Urlaub genießen, beziehen die Funktionäre beider Seiten schon ihre Stellungen und stimmen wie die homerischen Helden ihre Kampfgesänge an. Doch was sie jetzt intonierten, scheint nur jene Zyniker zu bestätigen, die behaupten, Statistik sei lediglich eine verfeinerte Form der Lüge. hm