Von Karl-Heinz Wocker

Alle Schiffe stehen still, aber der Premierminister segelt. In Nordirland drängt alles auf eine militärische wie politische Entscheidung zu, aber das Parlament geht pünktlich in die Ferien. Das Gewerkschaftsgesetz, zwei Jahre umkämpft, hat mit seinem Versuch, Sozialreform im Gerichtssaal durchzusetzen, die Atmosphäre vergiftet, aber kaum waren die fünf Londoner Streikführer aus dem Gefängnis, da saß der Gewerkschaftsvorsitzende Feather schon mit Heath und den Unternehmern am Tisch. Der Innenminister stolperte über einen korrumpierfreudigen Geschäftsmann, aber eigentlich zeigt sich niemand berührt.

Es scheint schwierig zu sein, etwas zu finden, was die Briten noch berührt. Ob man ihre Einstellung zu dem, was in ihrem Lande vor sich geht, als Krisenfestigkeit oder Lethargie bezeichnen soll, ist Ansichtssache.

Die seltsame Fähigkeit, mit Krisen selbst dann zu leben, wenn sie in Rudeln kommen, ist an den Briten seit langem bewundert worden. Hier macht eben ein Streik noch kein Chaos und kein Schiller ein Drama. Das Problem ist freilich, welcher Preis für diese Gleichgültigkeit gezahlt werden muß.

Die Frage, ob sich ein Land solche Zustände leisten kann, geht jedoch am Kern vorbei. Es gibt keinen Wohlverhaltenskodex für Völker. Wohl aber hat jedes Land andere Götter und Götzen. Diejenigen Briten, die sich auf dem Kontinent auskennen, wissen zum Beispiel nicht so recht, wer eigentlich bei der Erweiterung der EWG das größere Infektionsrisiko eingeht: die alten oder die neuen Mitglieder. Sie hoffen, daß viele kontinentale Eigenarten den britischen Gestaden fernbleiben mögen: die autoritär verbogene Form der Demokratie in Paris, die chronische politische Instabilität in Rom und Brüssel, die hohen Prozentzahlen kommunistischer Wähler in Frankreich und Italien, das parlamentarische Patt in Bonn. Politisch jedenfalls glauben die Engländer, sehr viel solider konstruiert zu sein als der ganze Kontinent, die Schweiz ausgenommen. Und wie man die Wirtschaft oder gar das Gewerkschaftswesen für wichtiger als die Politik halten könne – das ist ihnen unverständlich.

Dabei übersehen sie natürlich, wie auch ihre eigene Politik von der wachsenden Verselbständigung der Krisen auf sozialem Gebiet in Mitleidenschaft gezogen wird. Die Gewerkschaften haben es nun nicht nur der verbündeten Labour Party, sondern auch dem Klassengegner, den Tories, gezeigt, daß sie keine Einmischung dulden. Daß dennoch die jüngsten Umfragen zeigen, wie deutlich die Bevölkerung die Schuld an der verfahrenen Lage der Regierung zuschiebt und nicht – wie Heath hoffen mochte – den Trade Unions, beweist den Vorrang der politischen Denkweise in England. Wenn es Ärger auf Markt und Forum gibt, mögen die Konsuln zusehen, wie er beizulegen ist. Das hat etwas Römisches, auch wenn die Zustände eher spätrömisch sind.

Nun liegt der Übergangscharakter aller englischen Politik dieser Jahre offen zutage. Von Nordirland bis Uganda dringen Probleme auf London ein, die alle noch mit der gestrigen Weltrolle zusammenhängen. Vom EWG-Beitritt bis zum Traum von der Öl-Autarkie durch Nordseefunde stehen Entwicklungen bevor, die alle eine Flucht vor diesem Gestern sind. Weil die überseeische Vergangenheit am Ende so enttäuschend verlief, herrscht Skepsis vor gegen die Mittel, mit denen man sie nun vergessen machen will.