"Der Torpedokäfer", von Franz Jung. Die Neuausgabe von Franz Jungs Autobiographie "Der Weg nach unten" ist ein Musterbeispiel dafür, wie man es nicht machen sollte: Man stülpt ihr mit Hilfe eines Nachworts ein dogmatisches Interpretationsschema über, das ganze Bereiche von Jungs Lebensproblematik und damit auch gewisse editorische Pflichten einfach außer acht läßt. Wenn ein Scheitern wie das Jungs so einseitig auf mangelndes Klassenbewußtsein zurückgeführt und als "Ergebnis eines nicht durchgehaltenen Lernprozesses" eines intellektuellen Kleinbürgers dargestellt wird, so entsteht der niederschmetternde Eindruck, ein Opfer selbstzerstörerischer Triebe sei vom lieben Gott nur für nicht abgelieferte Schulaufgaben bestraft worden. Der Expressionist, Anarchist, Linkskommunist, Wirtschaftskorrespondent, Dramaturg, Spekulant, Häftling, Emigrant und Agent Franz Jung, der zeitweise Schlüsselstellungen in der revolutionären Bewegung einnahm, am sowjetischen Wirtschaftsaufbau mitwirkte und im Apparat der Komintern arbeitete, persönliche Bindungen über Bord warf und die gewagtesten Lebensrisiken einging, um im nächsten Augenblick in völliger Apathie dahinzudämmern, von Enttäuschungen ebenso wie vom Versagen zurückgeschleudert, aus fragwürdiger Prominenz in die Anonymität stürzend – dieser Mann war ein äußerst komplexer psychologischer, literarischer und politischer Fall. Es wäre der Mühe wert, den vielfältigen Ursachen dieses Scheiterns in einer weniger mechanistischen Weise nachzugehen, erst dann könnte das Exemplarische am Einmaligen auch sichtbar werden. Jung ging unter, da er sich in ständiger Flucht vor sich selbst und vor der Wirklichkeit befand und sich zugleich selbst dafür bestrafte. Darin, im buchstäblichen Zittern des Lesers vor der nächsten Katastrophe, haben diese Memoiren bis heute übrigens nichts von ihrer Spannung eingebüßt. (Mit einem Nachwort von Walter Fähnders, Helga Karrenbrock und Martin Rector; SL 56, Luchterhand Verlag, Neuwied; 499 S., 9,80 DM.) Martin Gregor-Dellin

"Laurenz oder Schweißfuß klagt gegen Pfurz in trüber Nacht", von Carl Einstein. Aus dem umfangreichen Nachlaß von Carl Einstein (etwa 7000 Seiten) ist bisher nur wenig publiziert: einzelne Fragmente zur Kunsttheorie, Bruchstücke einer lebenslänglichen Anstrengung, revolutionäre Aktion und hermetische Literaturproduktion, die Pole der eigenen Biographie, im Denken miteinander zu vermitteln. Wenn auch im Nachlaß der zwanziger und dreißiger Jahre der Anteil an philosophischen und kunsttheoretischen Arbeiten überwiegt, so findet sich doch ein bedeutender Komplex von im engeren Sinne literarischen Texten, vor allem im Umkreis eines Roman-Projekts, über das sich Einstein gelegentlich Freunden gegenüber geäußert hat, unter dem Arbeitstitel "Beb II". In den Zusammenhang des geplanten Romans gehört der Laurenz-Text, den Walther Huder, der als Leiter des Archivs der Akademie der Künste in Westberlin den Nachlaß von Carl Einstein betreut, in einer leider allzu aufwendigen Ausgabe erstmalig veröffentlicht hat. Eine kürzere frühere Fassung war freilich bereits 1930 in der Zeitschrift "Front" in Den Haag erschienen. Die eigentümlich verspannte Textstruktur, die jeden Vorgang in ein Gewebe von Assoziationen auflöst, wie in dem frühen Roman "Bebuquin", wäre hier auch als literarisches Analogon einer psychoanalytischen Theorie zu verstehen – wenn ein so grob interpretierender Satz nicht schon die kalkulierte Brüchigkeit harmonisierend abschleift. Die Konstante in dieser diffusen Episode einer trüben Nacht ist eine überschwenglich obszöne Rülpserei, die mit den verbrauchten Fetzen abendländischer Mythen und Trivialitäten durchsetzt ist. Im Nachwort bietet Walther Huder einen überzeugenden Zugang zu diesem enigmatischen Text an, indem er die hermaphroditische Titelfigur, deren Zwiespältigkeit die Struktur des Textes konstituiert, "als die Aufhebung des Spätbürgerlichen durch sich selbst, als seine Paralyse" interpretiert. – Die epigonal spätexpressionistischen Linolschnitte der jungen Berliner Wolfgang Jörg und Erich Schönig, die den Band unnötig teuer machen und so einen wichtigen Text von vornherein einer breiteren Öffentlichkeit entziehen, dürften den strengen Maßstäben des Kunstkritikers Einstein kaum gerecht werden. (Herausgegeben und mit einem Nachwort von Walther Huder; Berliner Handpresse bei Propyläen Verlag, Berlin; 42 S., mit 10 fünffarbigen Original-Linolschnitten von Wolfgang Jörg und Erich Schönig, 500 numerierte und signierte Exemplare, 98,– DM.) Katrin Sello