Berlin Bis zum 17. September, Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen: "Philip Pearlstein"

Die documenta hat auf Pearlstein verzichtet, obgleich viele ihn für eine wichtige Figur oder sogar einen Wegbereiter des radikalen Realismus halten. Die Berliner Museen (das Kupferstichkabinett in Dahlem, nicht die Nationalgalerie, nicht Werner Haftmann) finden ihn so bedeutend, daß sie seinem graphischen Werk (Aquarelle, Zeichnungen, Druckgraphik) eine europäische Erstausstellung widmen. Pearlstein über Pearlstein: "Ich habe einen Beitrag zum Humanismus in der Malerei des 20. Jahrhunderts geleistet. Ich befreite die menschliche Gestalt von ihrem gefolterten, gemarterten Zustand, in den sie von den Expressionisten, den kubistischen Zergliederern und den Deformierern der Figur gebracht worden war." Das ist nicht nur übertrieben, sondern komisch, ein Beitrag zum Thema Fehleinschätzung in eigener Sache. Seine befreiende Tat, sein "Aufbruch zur Wahrhaftigkeit" besteht darin, daß er seit etwa 1960 nach dem Modell Akt gezeichnet und gemalt hat, zu einer Zeit also, als das in Amerika nicht üblich war und dem abstrakt expressionistischen Styling widersprach. Die Aktzeichnung als Einübung in den realen Gegenstand, das ist nach europäischen Begriffen eine akademische Binsenwahrheit, und was diese Blätter von den Aktzeichnungen der meisten Kunststudenten unterscheidet, ist Pearlsteins graphische Geschicklichkeit und Routine, mit der er durch aufgesetzte Schattierungen und Parallelschraffuren die Figur mit illusionistischer Körperlichkeit ausstattet. Aber dieses schematische und routinierte Eingehen auf den Gegenstand verhindert gerade die formale Prägnanz, um die es den Radikalrealisten zu tun ist. Und diese Akte werden auch dadurch nicht interessanter, daß Pearlstein sie auf Sessel, Betten und Teppiche plaziert, womit die Blätter einen zusätzlichen ornamentalen Effekt gewinnen, der Pearlsteins realistischen Intentionen entschieden widerspricht. Man kann der documenta nur dankbar sein, daß sie uns mit Pearlsteins Akten verschont hat. Gottfried Sello

München Bis zum 5. November, Bayerisches Nationalmuseum: "Spiele – Gesellschaftsspiele aus einem Jahrtausend"

Das Bayerische Nationalmuseum, trotz seiner glanzvollen Sammlungsbestände ein bißchen im Publicity-Abseits stehend, hat sich der auch von ihm geforderten olympischen Kulturpflichtübung auf elegante, amüsante und anregende Weise entledigt: Es präsentiert nicht-olympische Spiele. Vorgeführt werden Utensilien, die zur Ausübung recht populärer Disziplinen vonnöten sind – vom Domino bis zum Roulette und Lotto. Und natürlich Schach, das momentan weltweit die Gemüter erhitzt, ein Spiel von durchaus olympischer Dimension. Die Figuren, mit denen Spasskij und Fischer ihre schlagzeilenmachenden Züge ausführen, halten nicht im mindesten den Vergleich mit den hier ausgestellten aus. Dabei braucht man nicht einmal die mittelalterlichen Elfenbein-Figürchen oder den kunstvoll geschnitzten, seiner Qualität wegen mit Dürer und Karl V. in Verbindung gebrachten Figurensatz anzuführen, es genügt, sich vor Augen zu halten, mit wieviel handwerklicher Sicherheit und funktionsbezogener Eleganz noch im 19. Jahrhundert Schachfiguren gestaltet wurden. Leider sind all die einladend ausgestellten Schachspiele nur zum Anschauen da, hinter Glas. Dieser wohl unvermeidliche Umstand wirkt bei Betrachtung der Poch-, Käuzchen- oder Glocke-und-Hammer-Spiele besonders frustrierend: dies sind sicher lustbringende Gelegenheiten zum Zeitvertreib, die man gern einmal ausprobieren möchte. Skat ist schließlich nicht alleinseligmachend. Ungeachtet der Betätigungsverwehrung ist die Ausstellung von hohem kulturhistorischen Reiz, sie fördert ganz nebenbei unsere Kenntnis über die Art und Weise, wie sich frühere Generationen die Langeweile vertrieben haben. Auch ein Beitrag zur Geschichte des Homo ludens.

Helmut Schneider

Wichtige Ausstellungen:

Aachen Bis zum 30. August, Neue Galerie: "Beyond Illustration – The Art of ‚Playboy‘ "