Am 22. März 1972, nachts um 2 Uhr, fing der Fischer Madi Youssouf Kaar bei den Komoren zwischen Madagaskar und dem afrikanischen. Festland einen etwa anderthalb Meter langen graubraunen Fisch und setzte damit einen vorläufigen Schlußpunkt hinter eine an dramatischer Spannung reiche Entdeckungsgeschichte.

Es ist die Geschichte des Fisches Latimeria chalumnae aus der Gruppe der Quastenflosser. Die Quastenflosser (nach ihren buscheligen, locker gebauten Flossen benannt) spielen in der Entwicklungsgeschichte eine bedeutende Rolle: Vertreter dieser Fischgruppe waren die unmittelbaren Vorfahren der Lurche und Echsen und sind damit die Urahnen aller landbewohnenden Wirbeltiere, bis hin zu den Säugetieren.

Die ältesten Quastenflosser kennt man aus den 350 Millionen Jahre alten Ablagerungen der Devonzeit, die jüngsten fossilen Exemplare fand man in den Schichten der Kreide und nahm daher an, daß sie zu dieser Zeit, vor etwa 70 Millionen Jahren, ausgestorben seien wie zur gleichen Zeit die Saurier.

Bei einem stammesgeschichtlich so prominenten Urahn war es eine wissenschaftliche Sensation ersten Ranges, als im Jahre 1938 eine Miß Latimer, Leiterin eines kleinen naturwissenschaftlichen Museums in der südafrikanischen Hafenstadt East London, auf einen ihr außergewöhnlich erscheinenden Fisch aufmerksam wurde und der sofort herbeigerufene Ichthyologe J. L. B. Smith die Diagnose "Quastenflosser" stellte. Smith taufte die Art zu Ehren von Miß Latimer auf den Namen Latimeria chalumnae; es war gewissermaßen eine Nottaufe, denn der Fisch von East London war nach Smiths Eintreffen der Wärme wegen in einem Zustand, der die wissenschaftliche Untersuchung nicht gerade begünstigte; dies war ein Grund mehr dafür, daß Professor Smith fortan – und das heißt: 14 Jahre lang – nach einem weiteren Exemplar jagte.

Freilich war damals schon klar, daß Latimeria zwar ein "lebendes Fossil", ein schwimmender Anachronismus von größter Wichtigkeit war, leider aber nicht zu der unternehmungslustigen Untergruppe gehörte, die den Sprung aufs Land gewagt und damit neue "Erfindungen" der Entwicklungsgeschichte provoziert hatte, sondern zu einer anderen Untergruppe, deren Vertreter stets Meeresbewohner geblieben waren. Latimeria ist also nicht der Urgroßvater aller Säugetiere, aber immerhin ein Urgroßonkel.

Smith vermutete die Heimat des Tieres nicht in der Gegend des ersten Fundortes, sondern (wie sich später zeigen sollte: mit Recht) bei den Komoren. Da er sich schon wegen des ganz ungewissen Erfolges keine Quastenflosser-Expeditionen leisten konnte, schlug er einen anderen Weg ein: Er verteilte im Laufe der Jahre Tausende von Flugblättern mit dem Steckbrief von Latimeria, setzte Fangprämien aus und hoffte, daß irgendwann ein Fischer einen Quastenflosser nicht nur fangen, sondern auch als solchen erkennen werde.

Smith hatte Glück – wenn er auch lange darauf warten mußte: Im Jahre 1952 konnte er auf der Komoren-Insel Pamanzi ein eingefrorenes Exemplar entgegennehmen, das freilich, bevor es aufs Eis gelegt worden war, schon einen längeren Transport hinter sich hatte und bereits arg lädiert war.