Mit europäisch-amerikanischen Schulmodellen ist den Entwicklungsländern nicht geholfen

Von Dieter Seelmann

Wir filmten im University College in Nairobi.

Eine Gruppe von Studenten der Fakultät für Entwicklungsplanung hatte sich im Gartenhof zur Diskussion versammelt. Die Diskussion verlief flüssig und gewandt. Ostafrikaner lieben die freie Rede; und es macht Vergnügen, ihren Diskussionen zu folgen, in denen die alte dörfliche Tradition des Fotowerk fortlebt, eingebettet in die erlernten Regeln britischer Diskussionstechnik und Fairneß. Vier oder fünf der Studenten trugen Krawatten des gleichen Musters, College-Krawatten im britischen Stil. Sie hatten ihre Oberschulausbildung an der elitären Kikuyu High School erhalten. Und genau wie in Großbritannien würden sie sich auf Lebenszeit an diese berühmte Public School und an den "Stamm" ihrer Mitschüler gebunden fühlen.

Nun gibt es in Kenya aber auch eine andere Bindung fürs Leben; insbesondere bei dem mächtigen Volk der Kikuyus bleiben die Teams der Altersgenossen, aller jener also, die im gleichen Jahre (durch das Ritual der Beschneidung) in den Kreis der erwachsenen Jungmänner des Dorfes aufgenommen wurden, einander verpflichtet. Diese Teams stellen eine wichtige Voraussetzung für das Funktionieren der eigentümlichen "Demokratie" der Kikuyus dar, deren höchste Instanz seit alters her nicht ein "Häuptling", sondern ein Rat der Alten ist, eine Elite also der jeweiligen Jahrgänge. Es kann gar kein Zweifel darüber bestehen, daß das Team-Denken der Public-School-Absolventen und die traditionelle Team-Bindung der Stammesordnung oft in Konkurrenz miteinander treten. In eine Konkurrenz, die zu Kollisionen führen kann; die schließlich die Absolventen der elitären Schule den altbewährten Ordnungen und ihren Verpflichtungen entfremdet.

Konflikte, wie sie heute zwischen der Schicht etablierter Funktionäre innerhalb von Staatsverwaltung oder Staatspartei und den dörflichen Gruppen immer wieder auftreten, denen die Etablierten entstammen, werden hierdurch verständlich. Von den ehemaligen Kolonialherren adaptierte Verhaltensweisen und überlieferte Verhaltenspflichten führen oft zu starken inneren Reibungen. Die Entfremdung zwischen beiden Gruppen – der zunächst noch kleinen Gruppe der Emanzipierten und Etablierten, und der großen Masse des "Volkes" – kann zum zerstörenden Grundkonflikt einer sich bildenden Nation werden.

Falsch programmiert