Von Jürgen Werner

Der Herr Kindermann? Zimmer 253!" Denkpause. "So – habbe Sie etwa auch manipuliert?" Der Fahrstuhl hält, das Aussteigen enthebt mich einer Antwort. Mit seinen Akten entschwebt der kritische Schwabe. Es bleibt das Stichwort für das Hauptproblem des Fußballsportes in Deutschland, das "der Herr Kindermann" klären und lösen soll: Manipulation. Das Zimmer 253 im Stuttgarter Landgericht – sechs mal drei Meter, ein Schrank an der Schmalseite neben der Tür, ein Schreibtisch vor dem Fenster, dazwischen eine Kommode mit Aktenstößen und ein Tisch mit drei Stühlen für Besucher. Zwei Reproduktionen von Rembrandts "Der Mann mit dem Goldhelm" und Kokoschkas "Salzburg" an den Wänden, von denen der Putz abblättert.

Hier empfängt mich Hans Kindermann, Landgerichtsdirektor und Vorsitzender der 5. Großen Strafkammer. Aber bekannt geworden durch eine andere Funktion – durch den Vorsitz im Kontrollausschuß des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Hiermit ist er auch automatisch festes Mitglied des Vorstandes des DFB. Ein einflußreicher. Mann also in einem Sportverband, der mit seinen drei Millionen Mitgliedern zu den reichsten und mächtigsten in der Welt zählt.

"Kaum runzle ich die Stirn, schon werden Vermutungen laut, der Skandal gewinne neue Dimensionen. Dabei sehe ich schon Licht im Tunnel." Nicht ohne berechtigten Stolz verweist er auf die Ergebnisse seiner Arbeit im Kontrollausschuß, Untersuchungs- und Anklagebehörde zugleich. "Wir sind da durchgefegt" – der Augiasstall des Fußballs brauchte einen Herkules, der sich – am Scheideweg zwischen alles oder nichts, zwischen völliger Aufklärung oder Amnestie – für den mühseligen und schwierigen Weg des Rechts entschied. Als Don Quichotte belächelten ihn daraufhin die einen, Michael Kohlhaas des Fußballs nannten ihn die anderen, Großinquisitor die dritten.

Allen drei Gruppen gemeinsam war das Unbehagen an der Fußballkriminalität in Deutschland, deren Ausmaß noch heute nicht immer erkannt wird. "Die Öffentlichkeit ist gar nicht in der Lage, diesen Skandal zu übersehen. In der Rückrunde der Fußballsaison 1970/71 gab es kaum ein Spiel, das mit dem Abstieg aus der Bundesliga zu tun hatte, das nicht manipuliert oder wenigstens dazu der Versuch gemacht worden wäre. Spieler kamen sogar und fragten: ,Tut ihr denn nichts?’ Ich will alles sagen, auch wenn es für den Fußball und den DFB unangenehm ist. Ich kehre nichts unter den Teppich. Es geht schließlich auch um die moralischethischen Werte des Fußballsports."

Ein Parsifal des Fußballs? Diese Frage wird vielleicht ein Buch beantworten, das Hans Kindermann zu schreiben verspricht – eine Chronique scandaleuse. Im Augenblick jedoch beschäf- tigt ihn noch ein "Komplex", wie er schwebende Verfahren nennt: Schalke 04. "Auch diese Festung wird fallen." Nachdem Arminia Bielefeld aus der Bundesliga ausgeschlossen wurde, Rotweiß Oberhausen in der nächsten Saison strafweise mit fünf Minuspunkten belastet sein wird, Spielern von Hertha BSC Berlin, VfB Stuttgart, 1. FC Köln, Eintracht Braunschweig, Meidericher SV, Schalke 04 zeitlich begrenzt oder auf Dauer, das heißt für immer, die Spielerlizenz entzogen worden ist, glaubt "der Fußballer Kindermann" – so bezeichnet er sich selbst im feinen Understatement – an eine nicht allzu ferne, sportliche Zukunft. "Bis Weihnachten", so hofft er, "werden wir es auch bei Schalke 04 trotz massiver Verschleierung geschafft haben. Fünf von 13 haben immerhin gestanden, von den 40 000 Mark, die sich nachweislich im Umziehraum von Schalke 04 befanden, gewußt zu haben. Bei Herrn Sieberts Äußerungen gehe ich zur Tagesordnung über."

Günther Siebert, der Präsident von Schalke 04, bestritt, von Manipulationen gewußt zu haben, obwohl Zeugen etwas anderes aussagten. Daß Vereine und Regionalverbände – oft wider besseres Wissen – korrupte Spieler unterstützen – "Recht ist bei denen nur, was der Gruppe nützt" –, bedeutet für Hans Kindermann "eine staatsbürgerliche Frage". Resignation habe er nie gekannt. Nur als Peter Maaßen, Oberhausens inzwischen wieder verurteilter Präsident, vor Monaten freigesprochen worden war, "habe ich meine Position überdacht. Doch die spontane Zustimmung des Fußballvolkes zu meiner Arbeit, die Forderung, den Reinigungsprozeß zu vollenden, haben mich bewogen, weiterzumachen. Der pathologische Hang, Präsident eines Bundesligavereins zu sein, mit allen Mitteln in der Bundesliga zu bleiben, führt eben zu Methoden, die für uns neu waren. Wir haben die Verantwortung, dagegen zu kämpfen".