Das Erstaunlichste an dem Verlag Langen Müller, der im vorigen Herbst bekanntlich den Buchhandel mit einer Piratenausgabe von Alexander Solschenizyns Roman "August Vierzehn" eindeckte, ist seine Art, auch die eindeutigsten Niederlagen in dem anschließenden Rechtsstreit mit dem Verlag Luchterhand per Pressemitteilung in Siege zu verwandeln.

Dabei läßt das Urteil, welches das Landgericht Stuttgart nun am 3. August fällte, an Klarheit nichts zu wünschen übrig.

Der Verlag Langen Müller darf, so bestimmt es, seinen Raubdruck weder ankündigen noch anbieten noch verwerten; er muß dem Luchterhand Verlag Auskunft geben über die Zahl der hergestellten und verkauften Exemplare, zur Berechnung des späteren Schadensersatzes; er muß alle Restexemplare sowie die Druckstöcke vernichten; er muß das Urteil in drei Zeitungen veröffentlichen. Es darf nach Meinung des Gerichts auch von einem "Raubdruck" und einer "Piratenausgabe" gesprochen werden: Damit würden nämlich Tatsachen behauptet, und "diese... behaupteten Tatsachen sind wahr".

Über den Anlaß hinaus, nämlich für die künftige urheberrechtliche Behandlung von Werkensowjetischer Provenienz in der Bundesrepublik, ist das Urteil des Landgerichts Stuttgart insofern wichtig, als es – obwohl die Existenz einer Samisdat-Ausgabe von "August Vierzehn" bis heute nicht nachgewiesen werden konnte – ausdrücklich feststellt, daß eine illegal kursierende Vervielfältigung noch keine Veröffentlichung im Sinne des Urheberrechts darstellt: "Voraussetzung für das Vorliegen einer Veröffentlichung’ ist..., daß das Werk nach seiner Herstellung dem Publikum in genügender Anzahl durch eine zentrale Verbreitungshandlung, eine ‚activité industrielle‘, z. B. durch den Buchhandel, ein Verlagsgeschäft oder auf ähnlichem Wege zur Verfügung gestellt wird." Keineswegs seien sowjetische Werke nur durch das amtliche Moskauer Literaturbüro zu vermitteln: Solschenizyns Vollmacht für seinen Zürcher Anwalt sei gültig und nach Schweizer Recht zu beurteilen, der Vertrag des Anwalts mit dem Luchterhand Verlag nach deutschem Recht. Der Pariser Ausgabe des Romans in russischer Sprache, die erste regelrechte Veröffentlichung, verschaffe ihm Schutz in allen Ländern der Copyright-Konventionen. "Gemeinfrei", jedenfalls so lange gemeinfrei, wie die Sowjetunion den internationalen Urheberrechtsübereinkünften nicht beitritt, sind nur solche Werke, die in der Sowjetunion, und zwar nach dortigen Maßstäben ordnungsgemäß, erstmals publiziert werden.

Das Stuttgarter Gericht hat also die seit dem "Schiwago"-Fall international vorherrschende Rechtsauffassung bestätigt. Es hat, mehr noch, dem mit aller Deutlicheit zum Ausdruck gebrachten Willen des Autors entsprochen, demgegenüber sich alle juristischen Haarspaltereien von Anfang an mehr als kleinlich ausnahmen.

Daß der Langen-Müller-Verlag nun nicht endlich die Waffen streckt, daß er in die Revision gehen will, daß er Presse und Buchhandel so vage wie spitzfindig wissen läßt, das Stuttgarter Urteil habe "kein Ausschließlichkeitsrecht... für den Luchterhand Verlag" begründet, erscheint vor diesem Hintergrund als ein pathologischer Fall von Rechthaberei, geeignet, den Verlag auch noch um seinen letzten Kredit zu bringen.

Dieter E. Zimmer