Italiens Staatsflotte kostet den Steuerzahler jährlich fast 600 Millionen Mark

An den Mauern Genuas wird gegenwärtig ein Plakatkrieg besonderer Art ausgetragen: Reeder und Gewerkschaften geben per Anschlag ihre Ansichten über die Fehler der italienischen Schiffahrts-Politik bekannt. Anlaß für den Papierkrieg bietet die desolate finanzielle Situation bei den vier Reedereien Italia, Lloyd Triestino, Adriatica und Tirrenia. Die vier Gesellschaften sind in der Finmare-Gruppe zusammengefaßt und werden von der Staatsgesellschaft IRI verwaltet.

In den letzten Jahren mußte der Staat allerdings nur zuzahlen: Für 1972 rechnet die Finmare mit einem Defizit von 23,5 Milliarden Lire (knapp 600 Millionen Mark), und 1973, so gab Finmare-Präsident, Umberto Nordio, in einem Interview mit der Mailänder Corriere della Sera zu, wird der Verlust über 100 Milliarden Lire liegen. Ähnlich wie bei der Deutschen Bundesbahn ist in Italien der Staat zum Defizit-Ausgleich bei den Staats-Reedereien verpflichtet.

Doch die Bosse bei Finmare möchten lieber auf den Ausgleich vom Fiskus verzichten, wenn der Staat nicht mehr ständig in die Geschäftspolitik der Reedereien eingreifen würde. Die vier Finmare-Gesellschaften gelten als "Unternehmen von höherem nationalen Interesse". Der Marineminister hat deshalb auf betriebliche Entscheidungen größeren Einfluß, als den Reedern lieb ist. Klagt Umberto Nordio, ein 50 Jahre alter Genueser, ehemals Marineoffizier, bevor er in Amerika bei einer Privatreederei seine zivile Karriere begann: "Die Autonomie der Finmare ist sehr klein. Die Vereinbarungen mit dem Staat entscheiden über die Linien, die Häfen und über die Zahl der Schiffe. Den Ausfall einer Reise kann nur die Behörde vorschlagen." Wenn der Kurs des Unternehmens geändert werden soll, müßte schon der Minister selbst ins Ruder greifen.

Deshalb ist auch der Vorschlag der Gewerkschaften, die Passagierschiffe der Finmare von der Linienfahrt in die Kreuzfahrt zu übernehmen, unrealisierbar, solange er nicht vom Ministerium kommt. Doch selbst wenn der Marineminister für den Einsatz der Schiffe auf Kreuzfahrten wäre, die Schiffe sind für diesen Dienst ungeeignet.

So wurden Anfang der sechziger Jahre, als der Sieg des Luftverkehrs über die Linienschifffahrt auf dem Nordatlantik schon feststand, für mehr als 900 Millionen Mark die beiden Luxus-Liner "Michelangelo" und "Raffaello" in Dienst gestellt. Für Kreuzfahrten müßten beide Schiffe wieder, mit Millionenbeträgen umgebaut werden.

Der härteste Vorwurf lautet deshalb: falsche Investitionspolitik. In der Tat fahren unter den Farben der vier Finmare-Gesellschaften 86 Schiffe mit über 700 000 Bruttoregistertonnen. Dabei zählen die Passagierschiffe zu. den modernsten und schönsten ihrer Art, die Frachter der Finmare hingegen können mit den Schiffen der Privatreeder nicht konkurrieren.