Von Sepp Binder

Zufrieden flog am vorigen Freitag Kurt Nier, Chef der nordischen Abteilung im DDR-Außenministerium, von Helsinki nach Ostberlin zurück. Nach den ersten fünf Gesprächstagen mit der finnischen Regierung schien festzustehen: Helsinki will mit der Anerkennung der DDR und der Bundesrepublik nicht mehr länger warten. Die Finnen drücken auf Tempo. Vermutlich schon in der nächsten Woche, noch vor Beginn der Olympischen Sommerspiele in München, wird Finnland seinen seit geraumer Zeit erwogenen Anerkennungs-Entschluß verwirklichen. Die bisherige Deutschlandpolitik, lange Zeit Prüfstein der finnischen Neutralität, wird auf eine neue Grundlage gestellt.

Für Wehgeschrei ist deshalb bei uns kein Anlaß. Auch ist ganz ungewiß, ob die Finnen durch diesen Schritt ihren Neutralitätsanspruch gegenüber Moskau wirklich stärken können. Diese Absicht hatte den überraschenden Vorschlag diktiert, den Staatspräsident Kekkonen im September 1971 unterbreitete. Damals legte der finnische Präsident ein brisantes "Deutschlandpaket" auf den Tisch, über das mit beiden deutschen Staaten parallel verhandelt werden sollte: Anerkennung der finnischen Neutralität; Austausch von Gewaltverzichtsabkommen; Reparationsregelung für die von der großdeutschen Wehrmacht 1944/45 in Karelien und Lappland verursachten Schäden. Am Ende sollte die gleichzeitige Aufnahme voller diplomatischer Beziehungen mit Bonn und Ostberlin stehen. Ein Abkommen mit nur einem der beiden deutschen Staaten wurde vom finnischen Außenministerium als "völlig ausgeschlossen" bezeichnet.

Die Bundesregierung reagierte auf das plötzliche Vorpreschen Kekkonens damals mit Verärgerung. Das heikle Angebot fiel vor einem Jahr in eine Phase der deutschen Ostpolitik, in der das Vier-Mächte-Abkommen über Berlin noch nicht rechtskräftig war und die Gespräche zwischen den beiden Staatssekretären Bahr und Kohl nur zögernd begannen. Vor Abschluß des innerdeutschen Grundvertrages wollte die Bonner Regierung eine internationale Aufwertung der DDR verhindern, um Ostberlin zu möglichst sachlichen Vertragsverhandlungen zu bewegen und den europäischen Entspannungsprozeß nicht mit den deutschen Streitereien zu belasten.

Die DDR reagierte prompt, aber auch sie nicht sonderlich erfreut. Und das Lob aus dem Kreml fiel nur sehr dünn aus. Am finnischen Angelhaken hing für beide ein schwer verdaulicher Köder. Erstens: Im finnisch-sowjetischen Vertrag "über die Freundschaft und die Zusammenarbeit und den gegenseitigen Beistand" von 1948 hat die Sowjetunion dem kleinen skandinavischen Nachbarn nur zugebilligt, daß er "außerhalb der Interessengegensätze der Großmächte zu bleiben" wünsche. Die ausdrückliche Anerkennung der finnischen Neutralität lehnte Moskau bislang strikt ab. Zweitens: Im Artikel 1 des Beistandspaktes verpflichtete sich Finnland, sowjetische Hilfe bei einem Angriff "Deutschlands" auf oder über finnisches Gebiet anzunehmen – ein für Finnland zweifellos hinderlicher Passus bei dem Streben nach internationaler Anerkennung als neutraler Staat.

Kekkonen wollte mit seiner Verhandlungstaktik zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Akzeptierte die DDR als Mitglied des Warschauer Paktes die finnische Neutralitätsformel und erklären sich die beiden deutschen Staaten zu einem Austausch von Gewaltverzichtserklärungen bereit, so verlöre der Beistandspakt, Klotz am finnischen Bein, sein bedrohliches politisches Gewicht; die Berlin-Krisen von 1958 und 1961 waren ja jedesmal auch Krisen zwischen Helsinki und Moskau gewesen.

Für Bonn lag in dem finnischen Vorschlag deshalb kein großer politischer Anreiz, für die DDR hingegen stand am Ende die Anerkennung durch den ersten nichtkommunistischen Staat Europas.