Vor jeder Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds gedeihen Gerüchte ganz besonders gut. Bis zur letzten Septemberwoche wird es deshalb um das Gold und sein Verhältnis zum Geld noch eine Fülle von Hoffnungen, Befürchtungen, gezielten Indiskretionen und spekulativen Reaktionen geben. Die eine Seite, vor allem die Goldlobby, sähe den offiziellen Goldpreis gerne noch weiter in die Höhe schnellen. Die andere Seite, vor allem Juweliere, Zahnärzte, industrielle Verarbeiter und die Gralshüter des Systems, des Internationalen Währungsfonds, möchten den freien Goldpreis, der auf mehr als siebzig Dollar je Feinunze gestiegen war, gern in die Nähe des offiziellen Niveaus von 38 Dollar hinunterdrücken.

Als der republikanische Senator Jacob Javits fragte, ob das US-Schatzamt nicht Gold aus offiziellen Beständen "zu konkurrenzfähigen Preisen" an lizenzierte Goldhändler abgeben wolle, um den amerikanischen gewerblichen Bedarf zu decken, versprach Finanzminister George Shultz "wohlwollende Prüfung". Mehr nicht. Sollte das Ergebnis der Prüfung positiv ausfallen, müßte die US-Regierung die Zustimmung jener Länder einholen, mit denen sie am 17. März 1968 vereinbart hatte, künftig kein Gold mehr aus amtlichen Beständen auf privaten Märkten zu verkaufen. Eine Änderung dieser Politik wäre eine deutliche Demonstration der Amerikaner. Sie würden zeigen, wie ernst es ihnen damit ist, dem Gold nach und nach das Kostüm abzustreifen, das es in seiner währungspolitischen Rolle trägt.

Auch das – wie es scheint – durch eine gezielte Indiskretion bekannt gewordene Modell des Währungsfonds, mit Goldverkäufen aus seinen Beständen den freien Goldpreis zu drücken, gehört zu dem Nervenkrieg, den die westliche Welt vor jeder Fondstagung zu ertragen hat. Entscheidungen darüber fallen weder vor noch auf der Jahrestagung. Alle Maßnahmen, die zur Reform des Systems gehören, brauchen erfahrungsgemäß eine Reifezeit von etwa drei Jahren.

R.H.