Anfang Juli hatte es den Anschein, die Koreaner wollten und könnten den Deutschen zeigen, wie man Wiederannäherung, ja Wiedervereinigung mit kurzem, kraftvollem Anlauf vollzieht – aus dem Zement des Kalten Krieges mitten hinein in die nationale Einheit. Wer mit den Verhältnissen auch nur ein bißchen vertraut war, mußte ob solch optimistischer Betrachtung von vornherein den Kopf schütteln.

Inzwischen hat sich gezeigt: Das Wiedervereinigungs-Kommunique vom 4. Juli war zunächst nur ein rhetorischer Knallfrosch. Es markierte den Beginn einer neuen Epoche, aber noch nicht das Ende all des alten Streits. Die Rotkreuzverhandlungen über die Zusammenführung getrennter Familien, die in der vorigen Woche nach elfmonatigen Vorgesprächen endlich hatten eröffnet werden sollen, wurden in letzter Minute verschoben. Prozedurfragen, so hieß es, seien daran schuld. In Wahrheit verbergen sich dahinter handfeste politische Kontroversen.

Im halbierten Korea ist es nicht anders als im halbierten Deutschland: Die Bäume der Entspannung wachsen nicht über Nacht in den Himmel. Nach langen Jahren der Konfrontation (die im Land der Morgenröte in einen blutigen Bruderkrieg ausgeartet war) läßt sich schon das Nebeneinander und Miteinander nur in langwieriger Annäherung organisieren; das Zueinander, wenn überhaupt je, kommt später. Da gibt es keine bequemen Abkürzungen. Th. S.