Themen aus der Bildungspolitik bringen in der Regel wenig Reaktion. Eine Ausnahme machte der Artikel "Wenn jeder studieren würde ...", erschienen in Nummer 30 vom 28. Juli. Anlaß dafür war das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Numerus clausus. Seine Thesen lauteten – Erstens: Die Hochschulpolitik ist in einer Sackgasse steckengeblieben, Umdenken ist erforderlich. Zweitens: Das "Bürgerrecht auf Bildung" wird mißverstanden, wenn dieses Postulat nur heißen soll, daß der Mensch erst mit dem Akademiker anfängt. Drittens: Schon jetzt werden in manchen überfüllten Fachbereichen potentielle Arbeitslose herangezüchtet. Viertens: Den überfüllten Hochschulen würden Leistungskontrollen helfen und die Vorschaltung eines engeren Qualitätsfilters, das heißt eine Hochschuleingangsprüfung. Fünftens: Von Hochschulreform kann nicht gesprochen werden, solange nicht die Reform der Studieninhalte in Angriff genommen wird.

"Was fehlt im Text?" fragt stud. rer. pol. Wolfgang Beyer aus Hamburg an und antwortete selbst: "Vor allem der direkte Hinweis auf die Macht des Kapitals (oder netter: der Unternehmer, passend zur Liberalität)..." Die Hochschuleingangsprüfung "wäre eine massive Diskriminierung des deutschen Abiturs", stellte Joachim Senn aus Gießen fest, und die Lehrer Ingrid und Wilfried Knickenberg aus Schwetzingen klagten: "Hier werden hochgradige Diffamierungen der Lehrer an Gymnasien vorgetragen."

Es war vor allem These vier, die Widerspruch erregte, und es waren vor allem die Lehrer, die sich am meisten über sie grämten, ja, sich persönlich gekränkt fühlten. "Die gegenwärtige Studentenlawine", schreibt Ernst Menz, Studienrat in Fürth, "mit ihren vielen für ein Hochschulstudium ungeeigneten Studenten haben nicht die Gymnasiallehrer, sondern die Bildungsideologen zu vertreten. Sie haben die nahezu unbeschränkte Bildungsfähigkeit des Menschen propagiert, haben durch Niveausenkung und Aufweichung der Versetzungsbestimmungen den Abiturienten-‚Ausstoß‘ vergrößert und dies mit einer nicht proportional gestiegenen Lehrerzahl bewältigt. Wenn derart dilettantisch verfahren wird, braucht man sich über die jetzt sichtbaren Folgen nicht zu wundern. Nur suche man die Ursache nicht bei den Gymnasiallehrern."

Die zweite Gruppe der Briefschreiber, die sich durch den Vorschlag, eine Hochschuleingangsprüfung einzuführen, direkt betroffen fühlte, waren die Professoren. Sie unterstellten, daß sie es sein sollten, die die Prüfung abzunehmen hätten, und bedankten sich im voraus für jede weitere Arbeitsbelastung. Dafür sieht Professor Helmut Thielicke aus Hamburg eine Alternative in dem "allereinfachsten und in dem mir bekannten Ausland auch allenthalben praktizierten Entlastungsrezept: Man füge unseren Hochschulgesetzen einen Paragraphen ein, der es ermöglicht, die Faulen und die Dummen wieder aus den Universitäten zu entfernen."

Eine dritte, wesentlich kleinere Gruppe erwog die Sache selber und diskutierte das Für und Wider der Hochschuleingangsprüfung; die absolute Mehrheit fand allerdings nur Argumente dagegen. Klaus Eyferth, Dozent an der TH Darmstadt: "Eine. Hochschuleingangsprüfung wird keineswegs ‚gerechter‘ als die Praxis der Zensurengewichtung. Zahlreiche Untersuchungen, auch im Ausland, zeigen, daß Leistungsbeurteilungen durch Lehrende höheren prognostischen Wert haben als Momentaufnahmen in Testform. Um ein verläßliches Testverfahren zu entwickeln, bedarf es zudem immensen Aufwands, der in der Bundesrepublik nur zentralisiert denkbar wäre. Der Aufbau dauert Jahre. Aber ein verläßliches Verfahren hat längst noch keinen prognostischen Wert. Wonach soll überhaupt ausgewählt werden? Etwa nach Studierfähigkeit oder nach Berufseignung? Nach allgemeiner Intelligenz oder nach Kreativität? Wollen Sie die Hochschullehrer bestimmen lassen, was Voraussetzung zur Uni-Zulassung wird? Mit diesem ‚Qualifikationsfilter‘ schrieben Sie die Lehrinhalte und -formen von heute für Dauer fest. Eher sollten Sie das Los empfehlen!"

Das Los scheint der Weisheit letzter Schluß zu sein – jedenfalls für alle diejenigen, die den Kuchen behalten und ihn gleichzeitig aufessen möchten, die das Abitur in Ehren halten wollen und doch einsichtig genug sind, um zu wissen, daß es als Freifahrtschein für jede Universität und jedes Fach eigentlich kassiert werden müßte. Das Los, von der Westdeutschen Rektorenkonferenz als "Ausdruck des Protestes gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt" propagiert, wäre zweifellos der bequemste Weg, um die Überfüllungsprobleme der Hochschulen aus dem Weg zu schaffen, aber mir scheint er auch besonders absurd. Er würde von der Verantwortung für das Schicksal der Studienbewerber entlasten, die Hochschulen genauso wie die Politiker, und würde die Ungerechtigkeiten unseres Bildungssystems noch potenzieren, statt sie zu vermindern.

Es stimmt, ein praktikables Rezept für eine Hochschuleingangsprüfung ist noch nicht gefunden. Aber es wird auch noch nicht sehr lange überlegt. Immerhin ist es erst ein Jahr her, daß der heutige Minister und damalige Parlamentarische Staatssekretär im Ministerium für Bildung und Wissenschaft, Klaus von Dohnanyi, in der ZEIT schrieb: "In einem auf Chancengleichheit angelegten Bildungssystem führt deswegen kein Weg an der Hochschuleingangsprüfung vorbei. Dies ist unpopulär bei Schülern und Studenten, aber diese Debatte müssen wir durchstehen. Mangelnde Offenheit in dieser Frage wird sonst zu einem politischen Handikap."

Wir führen, die Debatte fort mit dem folgenden Beitrag von Ernst Reuter, dem Generalsekretär der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Er erklärt, warum er von der Hochschuleingangsprüfung nichts hält. N. G.