Hamburg

Senator Ernst Heinsen, Präses der Hamburger Justizbehörde, ist ein rechtschaffener und loyaler Mann. Doch an politischer Fortune fehlte es ihm bislang. Dies zeigte sich bei seiner Behandlung der Bußgeldaffäre, die er zwar nicht verursacht, aber zu verantworten hatte, und wurde dieser Tage wieder eklatant, als ihm Fuhlsbüttler Häftlinge buchstäblich aufs Dach stiegen. "Unter unwürdigen Umständen", so CDU-Oppositionsführer Jürgen Echternach, habe der Justizsenator den Häftlingen nachgegeben und mit ihnen verhandelt.

In der Tat, Ernst Heinsen beugte sich dem Druck der Häftlinge, doch er hatte keine Wahl. Und hier beginnt das Dilemma des Senators.

"Santa Fu", wie die rund 70 Jahre alte Haftanstalt Fuhlsbüttel genannt wird, ist eine rote Zwingburg, in der nur "schwere Jungen" einsitzen, insgesamt 497 Gefangene, davon fast siebzig mit lebenslangen Haftstrafen. Anstaltsleiter Hörnemann: "Die negativste Auslese." Achtzig Prozent der Insassen werden nach ihrer Entlassung rückfällig. Neben dem obligaten Bewachungspersonal gibt es für die Anstalt eine Ärztin, einen Pastor, zwei Sozialarbeiter. Die Planstelle für den Psychologen ist unbesetzt. Es findet sich keiner; der letzte lief davon – ein Psychologe für rund 500 Gefangene ist überfordert. Resozialisierung findet nicht statt. "Dafür ist diese Anstalt nicht geeignet; was bleibt, ist allein Aufbewahrung", so Arno Weinert, der stellvertretende Leiter des Hamburger Strafvollzugsamtes.

Schon seit Jahren wurde immer wieder für ein Mindestmaß an Reformen in Fuhlsbüttel plädiert. Es war dabei weniger an Resozialisierung als erst einmal an Humanisierung gedacht. Was nützt es, den Gefangenen zu erlauben, sich Skatkarten zu kaufen, wenn sie sich in ihren Freistunden nicht zu dritt zusammensetzen dürfen. Jeder Vorschlag, wie beispielsweise den Gefangenen das Tragen von Armbanduhren zu erlauben, wurde abgelehnt. Die Verantwortlichen argumentierten mit dem Hinweis, die Sicherheit sei dadurch gefährdet, die Gefangenen könnten sich zu einer bestimmten Stunde zur Flucht verabreden.

Es fehlte nicht an Warnungen, die Verbitterung in "Santa Fu" könnte die Gefangenen auf die Barrikaden treiben. "Die nächste Bambule kommt bestimmt", hieß es, wenn gerade wieder eine Revolte in Fuhlsbüttel beigelegt war. Doch Maßnahmen zur Humanisierung wurden nicht ergriffen. Der Chef von Fuhlsbüttel, ein pensionsreifer Regierungsdirektor, schien stärker als sein politischer Chef, der Justizsenator. Er sperrte sich lange gegen Reformvorschläge. Und der Senator, anstatt anzuordnen, versuchte in einem langwierigen Lernprozeß die Fuhlsbütteler Mannschaft davon zu überzeugen, daß ein bestimmter Katalog von Maßnahmen notwendig sei, um weitere Explosionen in Fuhlsbüttel zu verhindern. "Zudem", so Senator Heinsen, "können wir die Reform, die wir vorhaben, nicht gegen den Willen der sie tragenden Beamten vornehmen. Diese müssen dabei mitspielen."

Ohne Zweifel, er hat recht. Die Frage ist nur, warum der "Lernprozeß" so spät einsetzte und ob die politische Führung ihn auch mit genügend Dampf versah.