Von Joachim Schwelien

Washington, im August

Mit der Berufung Sargent Shrivers zum Vizepräsidentschaftskandidaten könnten die Führungskrise und die Wahlkampfmisere der Demokratischen Partei überwunden werden, wenn der vom Mißgeschick verfolgte Feldzug George McGoverns um das Weiße Haus nicht noch auf neue Widrigkeiten stößt. Allerdings wird auch Shriver die Scharten schwerlich auswetzen können, die das demokratische Schwert schon so stumpf gemacht haben. Für die Entscheidung der amerikanischen Wähler ist nun einmal die Bewertung des Mannes am Steuer ausschlaggebend, und der bleibt McGovern – mit seinem abseits der Hauptströmungen liegenden Wahlprogramm und einer fast naiven, sonntagspredigerhaften Glaubensseligkeit, die fest auf Ideale baut und die handgreifliche Realität der rauhen Politik außer acht zu lassen scheint.

Shriver bringt in den Wahlkampf weit mehr ein als seine Verschwägerung mit der Kennedy-Familie. Seine katholische Konfession dürfte das demokratische Gespann nun auch bei dem katholischen Wählerteil, der ein gutes Viertel ausmacht, besser ankommen lassen. Die Umarmung des demokratischen Spitzenkandidaten durch die Womens-Liberation-Bewegung mit ihrem dann schließlich abgewehrten Drängen auf Programmleitsätze zur Liberalisierung der Schwangerschaftsunterbrechung wird jetzt ausgeglichen durch Frau Shrivers Kampf gegen diese Liberalisierung. Als Direktor des von Präsident Kennedy ins Leben gerufenen Friedenskorps, als Administrator des "Feldzuges gegen die Armut" unter Präsident Johnson, als Botschafter in Frankreich und als gewandter Manager im Umgang mit dem Kongreß hat Shriver anerkannte administrative Qualitäten gezeigt. Sein urbaner Habitus verdeckt einen harten Kern.

Der neue zweite Mann McGoverns ist einem Präsidentenwahlkampf in Amerika durchaus gewachsen. Zwar hat er sich noch nie um ein öffentliches Wahlamt bemüht, aber auf diese Weise ist er auch noch nie in direkte Konkurrenz zu anderen demokratischen Größen geraten. Bei der alten Garde der Parteibosse ist Shriver gern gesehen. Seine Berufung könnte wieder zu der Eintracht führen, die George McGoverns unerwarteter Aufstieg zerstört hatte.

Shriver ist daher eine erstklassige zweite Wahl. Nach der Eagleton-Krise kann die demokratische Mannschaft nun endlich starten. Ein für McGovern äußerst bedenkliches Zeichen blieb dennoch sein Versuch, vor der Entscheidung für Shriver doch noch auf die gerade abgeschlagenen Widersacher wie Hubert Humphrey und Edmund Muskie zurückzugreifen. Das wirkte wie ein Verzweiflungsakt und ließ McGovern als Mann erscheinen, der bereit ist, vor seinen eigenen Rückschlägen zu kapitulieren.

Unterdessen vollzog sich in einem Randbereich der amerikanischen Innenpolitik ein kaum beachtetes Ereignis, das den Präsidentenwahlkampf von 1972 vielleicht entscheiden kann: Die ultrarechtsradikale "Amerikanische Partei" erhob den bisherigen republikanischen Kongreß-Abgeordneten John Schmitz zu ihrem Präsidentschaftskandidaten, nachdem ihr Schutzpatron George Wallace – der seit dem Attentat im Mai noch immer halb gelähmt ist – endgültig auf eine eigene Kandidatur verzichtete. Die Resignation von Wallace wird das Gros seiner Anhänger mit Sicherheit in das Lager von Richard Nixon führen. Das bedeutet einen garantierten Zuwachs von mehreren Millionen Stimmen für den republikanischen Präsidenten und einen unangefochtenen Sieg in den meisten Südstaaten.

Auch mit Sargent Shriver an der Seite wird McGovern diese Verluste in den Industriestaaten im Norden und Osten kaum ausgleichen können. Die Aussichten der Demokraten sind schlecht.