Von Dieter E. Zimmer

In Salamanca wollen Sie den Sommer verbringen? Gibt’s denn da was? Liegt das nicht... also wo liegt denn das überhaupt? Es waren die stereotypen Fragen; anderen stereotypen Fragen hatten sie voraus, daß sie eindeutig beantwortbar sind.

Salamanca liegt im altkastilischen Hochland, gut zweihundert Kilometer westlich von Madrid, und trotz seiner mittlerweile hundertfünfundzwanzigtausend Einwohner wirkt es noch sonderbar ländlich und kleinstädtisch. Ein paar Linienbusse, zwei Triebwagenzüge verbinden es täglich mit Madrid; einmal am Tag schleicht der Südexpreß auf dem Weg von Paris nach Lissabon pfeifend über die Gleise; die Madrider Zeitungen gibt es meist mit einem Tag Verspätung, ausländische, wenn überhaupt, unregelmäßig, deutsche gar nicht. In seinem Westen, dort, wo Spanien Portugal den Rücken zuwendet, liegt trockenes Weideland für Kuh- und Stierherden. Im Süden, zur Provinz Extremadura hin, wo es gebirgig wird und auch im Hochsommer noch Schneeflecken zu sehen sind, beginnt die Region der Hurdes, eine der retardiertesten in Europa – Buñuel machte sie 1932 zum Gegenstand eines berühmten Dokumentarfilms. Im Osten, in der Richtung also, in der man in Salamanca denkt, nach der Hauptstadt Madrid hin: Felder, Steine, Chaparral, kaum eine Ortschaft – die nächste Stadt, etwa hundert Kilometer entfernt, ist Avila, die der englische Schriftsteller Desmond Morris einmal zu Recht mit einer tauben Nuß verglich: eine wunderbar intakte mittelalterliche Befestigungsanlage und nichts mehr drin, außer Erinnerungen an die heilige Therese.

Salamanca ist eine Stadt mit rückwärtigem Übergewicht: Sie scheint mehr Vergangenheit als Zukunft zu haben. Nicht an einem Kaufhaus oder einem Verkehrsknotenpunkt münden alle ihre Wege, sondern immer noch auf der Plaza Mayor, einem hundert mal hundert Meter großen Viereck von Platz, völlig homogen umbaut, Arkaden ringsherum, in dem man sich um die Mittagszeit und besonders am frühen Abend fühlt wie in einem großen Kessel, in dem die Stimmen einer ganzen Provinz brodeln.

Der Stil, der Salamanca noch so deutlich eigen ist, besteht vor allem aus einem Material. Es ist der hellbraune, mit der Zeit nachdunkelnde (in der Tourismus-Sprache heißt es, und gar nicht zu Unrecht: goldschimmernde) Stein aus den Steinbrüchen des nahen Villamayor, der sich im feuchten Zustand fast wie Ton bearbeiten läßt und härter als Granit wird, wenn er dann trocknet. Der platereske Stil, dessen Kapitale Salamanca ist, diese feinziselierten, vollkommen konservierten Steinplatten vor den nüchternen Quadern seiner Fassaden, war keine Kaprice irgendwelcher Baumeister: Es war und ist die Herausforderung durch ein Material. Es hat der Stadt bis heute eine unwahrscheinliche Einheitlichkeit bewahrt. Von den nüchternen Bogen der römischen Brücke bis zu manchen verschnörkelten Barockgreueln der Familie Churriguera, selbst bis zu der verlegenen Kahlheit seiner Moderne: Variationen über einen Stein.

Es gibt ein geflügeltes Wort im Spanischen, das heißt: estar en las Batuecas, und es bedeutet etwa: hinter dem Mond sein. Las Batuecas ist ein stilles Tal unweit Salamancas, in das sich ein spanischer König so oft zum Jagen zurückgezogen haben soll, daß er für die Geschäfte dieser Welt unerreichbar wurde. Was also zieht einen nach Salamanca, an diesen so schönen, so erinnerungsträchtigen Ort hinter dem Mond?

In Salamanca findet, nun bereits zum neunten Mal, eins der größten Ferienkurs-Unternehmen der Welt statt. Im Juni räumen die über zehntausend Studenten Salamancas die Stadt. Aus den Schaufenstern der Plaza Mayor werden die altertümlichen Tafeln entfernt, die die Photos der Graduierten des betreffenden Jahrgangs fein säuberlich unterhalb der Photos ihrer Dozenten zur Schau stellen – denn Salamanca war und ist seit Anfang des dreizehnten Jahrhunderts in erster Linie Universitätsstadt, eine der ältesten Europas, die bedeutendste des hispanischen Weltreichs, die ihm seine schlauesten Lizentiaten und Doktoren bescherte (zum Beispiel im „Don Quijote“ finden sich Dutzende von Hinweisen auf die überragende Geltung salmantinischer Gelehrsamkeit, und der alte Ruf wirkt bis heute nach, vor allem in den lateinamerikanischen Ländern). Seiner Studenten ledig, wird Salamanca für ein paar Juni-Tage ganz still. Dann fallen die Ausländer ein, Touristen wenige, aber nahezu viertausend Studenten in zwei großen Wellen, eine im Juli, eine im August.

Vor allem Franzosen kommen; Spanien liegt ihnen nahe, Spanisch ist an vielen französischen Schulen Unterrichtsfach. Und US-Amerikaner: highschool- und college-Studenten in Formationsstärke, einige komplett mit Priester, Chaperon und einem starken Zusammengehörigkeitsgefühl. Der kleine Rest verteilt sich auf etwa dreißig andere Länder: Iberia-Angestellte aus London, Sprachstudenten aus Stockholm, alte Herren aus Belgien, die es satt haben, Spanien immer und immer wieder nur als Tourist kennenzulernen.

Die meisten kommen zu Sprachkursen: laxen und intensiven, elementaren und fortgeschrittenen, konventionellen und audiovisuellen – die letzteren nicht wie alles übrige von der Universität Salamanca veranstaltet, sondern von der besonders in Frankreich tätigen Fundación Internacional Lengua Española, einer Gesellschaft, der soeben ihre Gemeinnützigkeit bescheinigt wurde und die mit ihrem didaktisch clever ausgewogenen, modernen Sprachunterrichtskonzept den Universitätskursen manchen Schüler wegschnappt. Neben den Sprachkursen allgemeine und spezielle Kulturkurse: in diesem Juli zum Beispiel eine Vortragsserie unter dem Titel „La Espana Profunda“, im August Seminare über den lateinamerikanischen Roman und seine sozialen Hintergründe.

Cursos de Verano, Sommerkurse – in Salamanca liegt die Betonung auf den „Kursen“. Perfekt organisiert, beschäftigen sie ihre Teilnehmer von morgens bis in die Nacht hinein und mit ihrem Exkursionsprogramm selbst an Sonn- und Feiertagen noch. Nur daß die Ausländer kaum zu Kontakten mit Spaniern kommen: Die Studenten sind ja alle weg, und die übrige Bevölkerung ist in diesem abseits der großen Touristenrouten gelegenen, armen Landesteil noch verschlossener als sonst. Wenn man dann schließlich doch im Gespräch ist, geht es oft plötzlich auf deutsch weiter; denn es stellt sich heraus, daß die Betreffenden entweder selber in Dortmund arbeiten und in Salamanca nun Urlaub machen oder zumindest einen Bruder oder einen Neffen haben, der seit Jahren in Mannheim wohnt: Nach den Provinzen Orense und Granada ist Salamanca die Provinz mit der höchsten „Arbeitsemigrationsquote“ Spaniens. So darf man das lehrreiche Gedankenexperiment machen, man würde hier selber so verächtlich auf den Bahnhofsplätzen stehen gelassen, wie wir diese Menschen in unserem Land herumstehen lassen. Tief versenkt ist wohl das Wort vom Herrenvolk; aber Tourismus und Gastarbeiter haben uns erlaubt, die Attitüde wohlbehalten über die Runden zu bringen.

Zur Komplettierung der Kurse (die trotz aller Kompaktheit bei ihrer Dauer einen doch höchstens soweit bringen können, das Ausmaß der eigenen Ignoranz abzustecken) findet in Salamanca auch ein Kulturprogramm statt. Konzerte, meist Gitarrenkonzerte; Filme, so ausgewählt, als sollte eigens der Tiefstand des heutigen spanischen Films demonstriert werden, hübsche bunte Streifen über gänzlich belanglose, sehr ausgedachte private Melodrämchen, garantiert ohne Bezug zur spanischen Wirklichkeit; ein Theater-Festival in der lokalen Sporthalle, an dessen Darbietungen gemessen das Ohnsorg-Theater Chancen hätte, sich zu einem spanischen Nationaltheater zu mausern, von Ortsansässigen kaum besucht – warum auch. Da verschlägt es einen Señor aus Murcia ins Land jenseits der Pyrenäen, wo offenbar die Welt anfängt, nach Paris, und vierzehn Tage lang kommt er nicht dazu, den Fuß aufs Pariser Pflaster zu setzen; natürlich ist das die Schuld der Pariser Mädchen, die ihn in seinem Logis ausgiebig genug beschäftigen. Nach dem salmantinischen Querschnitt zu urteilen, scheint der gemeinsame Nenner dieser neuspanischen Konsumkunst überhaupt das Interesse an weiblichen Beinen zu sein, die da mit geradezu fetischistischer Besessenheit ins Bild gerückt werden.

Ist es die Zensur, die dieses Niveau auf dem Gewissen hat? Ein leicht zynischer Madrider Bekannter sagte mir: diese ganzen Typen hier in dem Künstlerlokal reden sich auf die Zensur heraus – dauernd heißt es: was würde ich alles schaffen, wenn die Zensur nicht wäre; dabei gibt es doch etliche, die gezeigt haben, daß man trotz Zensur einiges vorzeigen kann.

Nach diesem Sommer in Spanien bin ich, ich muß es bekennen, unsicherer als je. Es stimmt, in Barcelona und Madrid werden alle Importzeitungen behördlich gesiebt – solche mit dem Regime nicht genehmen Artikeln (nicht genehm ist die meiste Spanien-Berichterstattung sowie alle Arten von Unzüchtigkeit) gelangen nie an die Kioske. Die spanischen Zeitungen sind sonderbar: Ihre Auslandsberichterstattung ist nicht nur ausführlich, sie ist stellenweise geradezu progressiv – über die deutsche Ostpolitik oder McGoverns Präsidentschaftskandidatur erfährt man viel und kaum etwas Abträgliches; wer diese unscheinbaren Provinzzeitungen liest, ist ungleich besser informiert als der durchschnittliche deutsche „Bild“-Leser. Nur Spanien fehlt weitgehend in den spanischen Zeitungen; in Spanien gibt es Wetter, Fußball, Stierkampf, Unglücksfälle, Statistiken über Wachstumsphänomene und vor allem in einem fort Einweihungen, bei denen von hohen und höchsten Chargen des Regimes Reden gehalten werden (Wortlaut folgt). Rundfunk und Fernsehen ergänzen die Palette durch Reklamesendungen.

Aber in den Schaufenstern salmantinischer Buchhandlungen stehen neben den internationalen Bestsellern; Marx, Althusser, Herbert Marcuse, Hans Magnus Enzensberger, Heinrich Böll, dem es nur in Deutschland geglückt ist, sich Feinde zu machen. Eine Zensur mit Löchern also, eine halbherzige Diktatur, eine kleine Freiheit auf Widerruf. Wie der ehemalige Informations- und Tourismus-Minister Manuel FragaIribarne es sagt: Spanien ist weder eine Demokratie noch eine Diktatur, sondern etwas ganz Besonderes.

Fraga Iribarne wurde 1969 aus seinem Amt entlassen; heute ist er Professor für politische Wissenschaften in Madrid, weder Gegner noch Freund des Regimes, oder beides zugleich, „Zentrist“ in seiner Sprache. Auch er hält einen Vortrag in Salamanca, den mit dem brisantesten Thema: „Die politische Zukunft und die institutionellen Vorkehrungen.“ Er spricht in der ehrwürdigen Aula Miguel de Unamuno, im Herzen der alten Universität. Ohne Anrede, ohne Verabschiedung, ohne sein Publikum ein einziges Mal anzusehen, den Blick bald links, bald rechts oben an der Decke, bald auf dem Stapel von Heften und Papieren vor ihm, denen er offenbar hin und wieder Stichworte entnimmt, ein Bürokratentyp, mit dem ich nicht über die Genehmigung eines Artikels oder Buches verhandeln möchte. Statt von der versprochenen Zukunft handelt der Vortrag in der ersten Hälfte von der Vergangenheit: ein Schnell-Resümee der spanischen Geschichte, von der Reconquista bis heute, wie für eine Broschüre des Tourismus-Ministeriums bestimmt. Dann die Volte: die künftige Staatsform Spaniens werde also die Monarchie sein, wohlgemerkt Staatsform, nicht Regierungsform, die könnte mancherlei Gestalt annehmen, selbst eine parlamentarische. Warum Monarchie? Weil Monarchien überall in Europa so stabil seien und weil Spanien in sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht, in seinem Alltag, eine derartige Wandlung durchmache, daß ihm die Monarchie als Element der Kontinuität guttun werde. Im übrigen: Genaues weiß man nie.

Immerhin, meinen die spanischen Freunde hinterher: im Gegensatz zu seinem Nachfolger Sanchez Bella war das wenigstens doch noch ein relativ intelligenter Mann, und wie immer opportunistisch es gemeint gewesen sein mag, er war einer der Träger jener Politik der apertura, der kulturpolitischen Öffnung, die mit dem Ausnahmezustand zur Zeit des Burgos-Prozesses ihr vorläufiges Ende nahm.

Wie nun verfährt die spanische Presse mit diesem Mann, bis vor kurzem ihr Chef-Zensor, eines Tages möglicherweise wieder in ähnlicher Funktion? Dem Mann, der das Pressegesetz von 1966 durchgesetzt hat, dieses zwiespältige Instrument, welches einerseits die Vorzensur abschaffte, andererseits das Interesse der verantwortlichen Herausgeber und Redakteure an einer Selbstzensur erheblich vergrößerte? Die eine Lokalzeitung nimmt so gut wie gar keine Notiz von seinem Vortrag. Und die andere, der „Adelanto“? „Eine Stunde Plauderei, nichts Interessantes, außer Gemeinplätzen am laufenden Band.“ Eine kurze Verneigung zu seinem Pressegesetz hin: „Er hatte es sich allerdings weit offener vorgestellt, als es gegenwärtig gehandhabt wird.“ Und weiter geht es mit einem bitteren Verriß der opportunistischen Ärmlichkeit dieses Vortrags.

Insoweit hatte Don Manuel schon recht: Es ist mit den Händen zu greifen, das Land steckt in einer tiefen Veränderung; jenes Spanien, in das man sich noch vor fünfzehn Jahren durch die Kontrollen von Port Bou drängelte, verschwindet immer mehr; was damals Lebensform war, wird langsam zur Folklore und damit zum Zitat einer Lebensform; und die Begriffe „demokratisch“ oder „totalitär“ wollen auf das heutige Spanien in der Tat schlecht passen – es ist beides nicht; sein Regime weiß anscheinend selber nicht genau, wohin es will, ins moderne Europa oder in die gottgefällige Isolation seiner angestammten Bräuche und Abhängigkeitsverhältnisse, rückwärts oder vorwärts. So, einmal von unten gesehen, wirkt das Regime einfach senil – dauerhaft, aber fürchterlich senil. Kommt Franco nun zur Benefiz-Corrida nach Salamanca? Ach, der ist doch zu alt, der Mit die Hitze nicht mehr aus. Schickt er seinen Vize Carrero Blanco? Ach, der wird doch auch bald achtzig. Briefmarken gefällig? Franco doch nicht, nicht wahr? Und aus natürlich rein philatelistischen Gründen kramt der Mann lange in seiner Mappe, um die entsprechenden Werte ohne Franco-Konterfei zusammenzubringen. Die Franco-Bildnisse bleiben bei den Führungen unerläutert. Gespräche mit Fremden enden an bestimmten Punkten mit einem abwartenden Schweigen. Die klarsten Konturen in Salamanca sind die seiner Kuppeln vor dem sich einschwärzenden Abendhimmel.

Unter den Texten des Sprachunterrichts finden sich auch Gedichte des großen spanischen Lyrikers Antonio Machado. Eines lautet etwa: Da gibt es schon einen Spanier, der leben will und sein Leben beginnt zwischen einem Spanien, das stirbt, und einem, das gähnt...eins von den beiden wird ihm das Herz erstarren lassen.