Von Ernst Dieter Schmickler

Der Sport zeigt sich als Medikament für Amputierte und Gelähmte von seiner humansten Seite. Ein deutscher Sportmediziner, Dr. Arthur Mallwitz, gilt als der Erfinder des Versehrtensports. Schon im Ersten Weltkrieg errichtete er ein Versehrtenlazarett. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es zwei Richtungen in der Bundesrepublik. Die einen wollten nur den Gesundheitssport, die anderen auch ausgesprochenen Leistungssport für die Behinderten zulassen. Sir Ludwig Guttmann schuf die Wettkämpfe für Gelähmte auf weltweiter Ebene. Sein für München abgelehnter Wunsch, die Weltspiele der Gelähmten in die Olympischen Spiele zu integrieren, führte zu seinem Angriff auf das Organisationskomitee der Spiele der XX. Olympiade. Aber wahrscheinlich ist dies die beste Lösung, wie sie jetzt praktiziert wird, daß die körperlich Behinderten im Olympiajahr und im Olympialand zu einem anderen Zeitpunkt und an einem anderen Ort ihre Wettkämpfe durchführen.

Fast schon etwas sarkastisch operierte der Präsident und Gründer der Stoke Mandeville Games, die Weltspiele der Gelähmten, Sir Ludwig Guttmann, gegenüber Bundespräsident Dr. Gustav Heinemann mit der Feststellung: "Nun machen Sie aus einem Behinderten einen Steuerzahler." Tatsächlich steht hinter den XXI. Weltspielen der Gelähmten vom 1. bis 10. August in Heidelberg die Motivation, die Leistungsfähigkeit des Behinderten zu dokumentieren – hier auf sportliche Weise. Seit Sir Ludwig im Juli 1948 am Rande der Olympischen Spiele in London mit 16 britischen Soldaten, als querschnittsgelähmte Opfer des Zweiten Weltkrieges, seine Rehabilitations-Therapie Sport begann, ist diese Initiative zu einer Weltbewegung geworden. Heidelberg 1972 war ein vorläufiger Höhepunkt und zugleich die Chance, das soziale Gleichgewicht auch für Behinderte permanent zu sichern.

Den rund 5000 Zuschauern, darunter Bundespräsident Dr. Gustav Heinemann, der apostolische Nuntius Erzbischof Bafile, Staatssekretär Wolfram Dorn und Baden-Württembergs Sozialministerin Annemarie Griesinger, boten sich bei der Eröffnungszeremonie 1000 Einzelschicksale im Rollstuhl. An Stelle von billigem Bedauern erwarten die meisten der Kraft ihrer unteren Gliedmaßen beraubten Mitbürger Respektierung und Integration als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft. Vom Sport erhalten sie Mut, Sicherheit und Stabilisierung der vorhandenen Konstitution. Bundespräsident Dr. Gustav Heinemann, von den Heidelberger Ausrichtern als Vorkämpfer herausgestellt, formulierte es in seiner Eröffnungsansprache so: "Die Behinderten bilden überall eine Minderheit, der immer noch mit falschen Vorstellungen, mit Vorurteilen bis hin zur Ablehnung begegnet wird. Unsere auf Leistung und Wettbewerb ausgerichtete Gesellschaft ist aber nur dann eine menschliche Ordnung, wenn sie behinderten Minderheiten volle Achtung, volle Gemeinschaft und ein Höchstmaß an Eingliederung gewährt." Nach Meinung des Staatsoberhauptes war die Möglichkeit, daß auch Behinderte in der Lage sind Sport zu treiben, bis vor wenigen Jahrzehnten noch unvorstellbar, den eingetretenen Wandel bezeichnete Heinemann als ein Verdienst des Briten Sir Ludwig Guttmann, dem der Bundespräsident das Große Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland überreichte.

Heidelberg war in diesen Tagen des Lobes und der Anerkennung der rund 1500 behinderten Sportler und deren Betreuer aus 45 Ländern sicher. Die sportliche Invasion der Rollstuhlfahrer stellte die Stadt zwar vor eine Vielfalt von Problemen, die gefundenen Lösungen sind aber zugleich zukunftsorientierte Beispiele kommunaler Sozialpolitik. So wurden Bürgersteige gesenkt, Hindernisse auf Dauer – beseitigt, die Neckarpromenade und angrenzende Straßen für den allgemeinen Verkehr gesperrt, die Bürger zeigten mehr als nur Verständnis. Sir Guttmann: "Die Zahl der Rollstuhlfahrer nimmt jährlich zu." Diese Bemerkung verband der Brite mit der Kritik an einer weltweit erkennbaren Tendenz. Immer noch werden öffentliche Gebäude und insbesondere Sportstätten nur für gesunde Leistungsmenschen konstruiert. Guttmann störrisch: "Man hat noch nicht zur Kenntnis genommen, daß es eine Weltbewegung der Versehrtensportler gibt. Auch in München hat man nicht daran gedacht."

Die Olympiastadt München kam tatsächlich nicht gut bei dieser Diskussion weg. Eine schon zur Tradition gewordene Regel, neben den jährlichen Spielen in Stoke Mandeville bei London alle vier Jahre internationale Wettspiele am Ort der Olympischen Spiele durchzuführen, wurde von München – ebenso wie vor vier Jahren von Mexiko – unterbrochen. In München war es nicht möglich, konstatierte der von Königin Elizabeth geadelte Führer des Behindertensports. Für behinderte Sportler im Bogenschießen, Basketball, Tischtennis, der Leichtathletik, dem Rollstuhlzeit- und Slalomfahren, Fechten, Bowling, Gewichtheben, Snooker und Schwimmen gab es nach Sir Ludwig Guttmann ("Heidelberg hat die Spiele gerettet") in München keine Möglichkeit. Trotz architektonischer und kostenmäßiger Einmaligkeit des Zeltdaches, an Behinderte hat man bei den Olympiaplanern in München nicht gedacht, monierte Guttmann. Der Bund finanzierte die Spiele mit rund 1,5 Millionen Mark.

Sieht man einmal von der fehlenden Präsenz der UdSSR und der DDR ab, so waren die 1000 Sportler, für die es rund 930 Medaillen gibt, nicht weniger olympisch als die Olympiasportler à la München. Aus dem ost- und südosteuropäischen Raum reisten Sportler aus Polen, der ČSSR, Ungarn, Rumänien und Jugoslawien an. Zu den preußischen Klängen eines Fallschirmjäger-Musikkorps der Bundeswehr rollten u. a. in unpolitischer Reihenfolge Behindertensportler aus Polen, Rumänien, Rhodesien und Südafrika auf die Universitätssportanlagen der Stätte alter Burschenherrlichkeit. Israels Gruppe von knapp 60 Teilnehmern und Betreuern bedankte sich für den Beifall und die vorbildliche Organisation mit dem Traditionssong: "Wir bringen euch den Frieden." Chile, Gibraltar, Peru und Rumänien hatten keine großen Transportprobleme: sie schickten jeweils einen Teilnehmer und zwei Betreuer. Ihren Ehrgeiz für die Teilnahme an den XXI. Weltspielen in Heidelberg setzten die Sportler im Rollstuhl zwischen Australien und Südamerika, vom Nordpol bis zum Südpol, durch die Anreise per Bus, Bahn, Auto und Flugzeug in die Praxis um. Vor allem die Luftwaffen der skandinavischen Länder sorgten auf dem Frankfurter Flughafen für eine friedliche Invasion, an der sich auch die US-Armee, die Bundeswehr sowie die bundesdeutschen Hilfsorganisationen mit großem Engagement beteiligten. Auf der Bühne zeigten bei einem internationalen Starabend Dunja Rajter und die Les Humphries Singers ihr Wohlwollen.

Doch zwischen Sängern und Staatsoberhaupt, Politikern und Polizisten fehlte einer nicht: Deutschlands ewiger Berufsjugendlicher für den Sport, Olympionike und Konzernreiter Josef Neckermann. Wenn die Kraft der extrem mutigen Rollstuhlfahrer beim therapeutischen Reiten oder dem Geschicklichkeitsturnier des ADAC nachzulassen drohte, kam Neckermann per Inserat ins Programmheft mit dem Werbeslogan zu Hilfe: "Reserven wecken mit Neckermann-Hilfsmitteln ..." Diese Hilfe konnte es aber auch nicht verhindern, daß eine Viererdelegation Äthiopiens mit dem ehemaligen Olympia-Doppelsieger im Marathonlauf, Abebe Bikila, nicht in Heidelberg eingetroffen ist.