Von Leona Siebenschön

Bei Binki hat der Neger seinen Schuh verloren. Bei Bussi Bär ist der Drachen los. Mäuse haben sieben Schwänze. Der Mond lacht im Aquarium. Verkehrte Welt, kaputte Welt – Kinder machen alles wieder heil; Kinder raten, rechnen, buchstabieren, suchen, wo der Räuber steckt.

Vorschulisches und Lernlust-Weckendes, Zahlenlotto und Denkaufgaben, in Lern- und Spielzeitschriften allmonatlich auf den Markt gebracht, haben sich in kurzer Zeit mit hohem Umsatz bei Noch-nicht-Lesern eingeführt. Auch die Kleinsten zählen jetzt im Pressegeschäft als ernst zu nehmende Käuferschicht. Seit Begabungsförderung im Buch- und Spiel warengewerbe Konjunktur hat, profitiert vom So-wird-Ihr-Kind-einkluger-Kopf-Boom auch die Zeitschriftenbranche.

"Der Markt der Kleinen ist ganz groß", konstatierte Bussi-Bär-Veleger Rolf Kauka, der freilich nicht nur mit seiner "wissenschaftlich empfohlenen Vorschule für alle Muttis mit lieben Kindern" (Unterzeile im zusätzlich erschienenen Sommer-Sammtelband, DM 4,80) die jüngsten Käuferkreise anvisiert. Zu den Spitzenreitern der jungen Unterhaltungspresse zählt Kaukas Wochen-Bilder-Blatt Fix und Foxi, anspruchslos, aber beliebt bei 6- bis 14jährigen (mehr als 200 000 verkaufte Auflage). Mehr Taschengeld aus Kinderkassen holt Walt Disney’s Micky Maus. Mit einer Auflage von fast 400 000 wöchentlich verkauften Exemplaren hält "Die größte Jugendzeitschrift der Welt" den ersten Platz auf der Kinder-Medien-Liste, die insgesamt weit über 800 verschiedene Organe verzeichnet.

So gewiß die Comics den Markt beherrschen (jährlicher Ausstoß in Westdeutschland: rund 150 Millionen Exemplare; geschätzte Leserschaft: um 500. Millionen), so groß sind andererseits doch auch Interesse und Aufnahmebereitschaft für Lernstoff und Bildungslektüre. Das Eltern-Supplement Extra-Zeitung für Kinder (verkaufte Auflage: 870 495) ließ sich bei einer Marktforschungsanalyse bestätigen: Jeder Beitrag im 16-Seiten-Extraheft wurde durchschnittlich von 46 Prozent der Kinder gelesen; davon sechs Seiten Comics (75 bis 80 Prozent), zehn Seiten Sonstiges wie Denksport, Basteltips, belehrende Themen "Wo sind nur die Tiere geblieben?" (73 Prozent) oder "Fische unterm Eis" (57 Prozent).

Sorgen bereitet den Extra-Blattmachern die Undefinierte Altersgruppe ihrer Leserschaft (von 3 bis 12 oder älter?). Konzentrieren will man sich, wie Chefredakteur Otto Schuster erklärt, auf die Zielgruppe der 7- bis 8jährigen. Doch scheint es fraglich, ob beispielsweise ein 7jähriger "Die phantastische Reise" per Boot durch einen Mann, durch seine Adern, sein Herz, sein Gehirn (geboten als Photoroman) schon kapiert; oder ob "Das verrückte Puzzle" (im Juli-Heft) einen 8jährigen noch interessiert. Wer vielen vieles bieten muß, der gerät wohl leicht in Schwierigkeiten bei der Auswahl möglicher Themen. Eltern-Extra wählt vorzugsweise vermischte Unterhaltung.

Unterhaltung kommt an. Asterix, der kleine Intellektuelle, ist nicht zu schlagen. Donald Dick triumphiert im Untergrund von Schulbänken und Bücherbord, wo Grimms Märchen und Siegfrieds Sagen unbeschädigt deutschen Kulturanspruch vertreten. Indes: Im Chaos des Massenangebots von Bildblättchen und Stripheften wird besorgten Eltern Hilfe zuteil und Abwehr geboten. Kulturverkümmerung im Kinderzimmer durch ageistigen Konsum von Analphabetenliteratur in Sprechblasendeutsch kommt nicht in Frage bei jener kleinen, exklusiven Gruppe von Journalen für die Jüngsten, die selbst noch nicht zur Kasse schreiten und dennoch mittlerweile als zuverlässiger Käuferstamm gewonnen sind. Micky Maus erstehen die Junioren (vorwiegend) selbst am Kiosk. Bussi Bär dagegen muß die Mutter überzeugen.