Auf mittlerweile irritierende Weise sind Festspiele die Spielwiesen der Gesellschaft geblieben. Zuerst als Gallionsfiguren des kulturellen Überbaus, sodann von der Krise der Institutionen und Autoritäten betroffen, werden sie jetzt nur leicht resignierend betrieben; wird einmal gegen die Verramschung von Mozart durch den Tourismus in Salzburg oder gegen die Verfälschung von Wagner durch weihevolle Erbaulichkeit in Bayreuth aufgemuckt, dann demonstrieren Festspiele, wie sinnvoller Protest und produktive Unruhe zu hohlem Theaterdonner verkommen können.

Zwei Beispiele aus Bayreuth und Salzburg: Hier ging es um den Schlußchor des "Tannhäuser", der nach der Auffassung des Regisseurs Götz Friedrich nicht in Pilgerkutten, sondern, in ziviler Aufmachung als selbstbewußte, formierte Gesellschaft auftrumpfte; dort ging es um eine Notbeleuchtung, die Regisseur Claus Peymann im Salzburger Landestheater zwei Minuten lang ausgeschaltet haben wollte, um genau einer Anweisung in Thomas Bernhards Schauspiel "Der Ignorant und der Wahnsinnige" zu entsprechen: "Die Bühne ist vollkommen finster."

Was bei der Bayreuther Premiere einen handfesten Skandal auslöste, seriöse Herren ganz unseriös die Fäuste ballen, buhen und pfeifen ließ, worin Franz Josef Strauß den "Betriebskampf-Gruppenchor der volkseigenen Betriebe ‚Rote Lokomotive‘ in Leipzig" erkannte, das wurde in der dritten Aufführung still beiseite geschafft. Festspielchef Wolfgang Wagner, der sich heftig vor aller Öffentlichkeit für Götz Friedrichs gesellschaftskritisches Konzept eingesetzt hatte, rief den Regisseur in Stockholm an und verbannte den Chor hinter die Bühne. Er hält seitdem eine Rechtfertigung bereit, die von einer ursprünglichen Konzeption redet und obendrein diese Revision eines überlegten epischen Schlusses, der sich auf Brecht in Wagner beruft, mit betriebsblinden Schutzbehauptungen veralbert: der neue Chordirektor habe mit der sichtbaren Truppe seinen guten Einstand gehabt, die Kritiken seien heraus...

Um die Salzburger Notbeleuchtung wurde zwischen dem Ausstatter und einem Bühnenarbeiter sogar handfest gerauft. Sie war zunächst auf einer nicht öffentlichen Generalprobe ausgeschaltet, blieb aber bei der Uraufführung ohne Absprache mit dem Produzenten wegen gesetzlicher. Vorschriften eingeschaltet. Peymann, sekundiert von Autor Bernhard und den Schauspielern, ließ sich auf Kompromisse (Abdecken der Lampen während der zwei Minuten) nicht ein, und die Aufführung platzte unter großem melodramatischen Aufwand.

In beiden Fällen sind ästhetische Konzeptionen und wichtige Erneuerungen an den Bedingungen des Festspielbetriebes auf widersinnige Weise mit Hilfe der Regisseure verschlissen worden. In Bayreuth hat Götz Friedrich die andächtige Weihe gestört, die sich nach Wieland Wagners Tod wieder breitmachte. Doch der Bayreuther Werkstattgedanke, die Idee also, daß Inszenierungen unter einmaligen Arbeitsbedingungen ausreifen können, wurde pervertiert. Nach einem kleinen Skandal, der Attraktivität von Neu-Bayreuth nur zuträglich, nach der eilig dementierten Drohung von Subventionskürzungen hat hier die Gesellschaftskritik wieder Ruh’ – oder bleibt doch, wenn vielleicht mal wieder der andere "Tannhäuser"-Schluß ausprobiert wird, eine beliebige Zutat, sozusagen telephonisch abrufbar.

Claus Peymann ist wahrscheinlich auf das hereingefallen, was er eigentlich kritisieren wollte: den Salzburger Kulturtourismus. Er selbst ist dessen neueste Attraktion, ist allzu bereitwillig schon vor der Arbeit mit schnoddrigen Urteilen über das Festival ("ungeheures flambiertes Nockerl") auf die Rolle des engagierten Störenfriedes eingegangen. Nun hat er mit seinem um jeden Preis durchgehaltenen Protest die Herausforderung, die das Stück von Thomas Bernhard an Salzburg stellt, verschenkt.

Es sind nicht nur zwei Anekdoten, diese Bayreuther kaschierte Manipulation und die Requisitengroteske aus Salzburg. Ihr Widersinn: daß in einem Fall der Regisseur hilft, ein verbindliches Resultat preiszugeben oder zu gefährden durch seinen unterlassenen Protest; daß im anderen Fall der Regisseur sich von vornherein blindlings auf den Mißbrauch einer Festspielidee, die Deformierung Salzburgs zur Touristenattraktion, einläßt und die ihm zugedachte Rolle des Unruhestifters durchsteht bis zur Preisgabe des künstlerischen Resultats. Die beiden Vorgänge haben, das ist das Schlimmste daran, nichts mehr von dem fröhlichen, manchmal befreienden Mummenschanz, zu dem Festivalskandale noch in früheren Jahren werden konnten. Sie haben nur noch den faden Beigeschmack einer Farce.

Jens Wendland