Von Heinz Abosch

Mysteriöse verlegerische Entscheidungen haben bisher das wichtige Werk der französischen Philosophin Simone Weil im deutschen Sprachbereich nur als Fragment bekanntwerden lassen. Denn das Leben der 1943 in England Verstorbenen (sie erlag 34jährig einer bewußt gewählten Unterernährung, da sie ihr Essen auf die in Frankreich geltenden Rationen reduziert hatte) scheint aus zwei Teilen zu bestehen.

In einer ersten Periode ist die Gymnasiallehrerin dem revolutionären Kampf verbunden. Sie gehört zum Kreis des Anarcho-Syndikalismus, schreibt Artikel, diskutiert mit Trotzkij, unterstützt streikende Bergarbeiter und trägt – ein Skandal in der kleinbürgerlichen Provinz – die rote Fahne. Gemaßregelt, arbeitet sie 1935 eine Zeitlang als Fräserin bei Renault, um sich ganz mit dem Arbeiterdasein zu identifizieren.

Im August 1936 eilt sie nach Spanien. Der Niedergang der französischen Volksfront wie der sich ankündigende Zusammenbruch in Spanien bewirken eine tiefe Veränderung ihres Denkens. Seit 1938 ist sie auf dem Wege zum Christentum, erwartet übernatürliche Gnade als Erlösung. Es verwundert kam, daß die Bücher aus dieser zweiten Lebensphase in den fünfziger Jahren das Interesse deutscher Verlage fanden, während die sozialkritischen Schriften der Frühzeit unberücksichtigt blieben. Der kleine Band

"Simone Weil in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten", dargestellt von Angelica Krogmann; Rowohlt, Reinbek b. Hamburg, 1970; 185 S., 2,80 DM

entwirft ein recht sorgfältiges Porträt. Die Autorin ist ebenso kenntnisreich wie einfühlsam, doch überwiegt bei ihr deutlich die Vorliebe für die religiöse Mystikerin.

So interpretiert sie das ganze Leben der Simone Weil von dessen Ende her, und dies dient der Verklärung. Jeder einzelne Lebensabschnitt erscheint auf ein bestimmtes Ziel gerichtet, das unaufhörliche Suchen um Erkenntnis – ein entscheidender Wesenszug dieser Antidogmatikerin – wird durch selbstsicheres Wissen ersetzt: In solchem Geist schreibt man Erbauungsbücher. Auch vermag man Angelica Krogmanns Verdammung der "modischen, Accessoires aus der Psychoanalyse" nicht beizustimmen. Ihre soziologische Information mutet bescheiden an, wenn sie die Weilsche Kritik der Fabrikarbeit für überholt hält und ohne Ironie hinzufügt: "und erst recht... im Westdeutschland des Wirtschaftswunders". Bezweifeln muß man auch, daß Simone Weils Reformvorschläge aus dem Jahre 1943 (Kleinunternehmen, Halbtagsarbeit, gemischte Unterrichts- und Arbeitsschulen) je in Frankreich Anwendung fanden.