Lassen sich Denker wie John Locke, Max Weber und Ho Tschi Minh auf einen Generalnenner bringen, der zugleich zur Erhellung ihrer Vorstellungen beiträgt? An dieses Unternehmen wagt sich – mit Erfolg und mit Gewinn für den Leser –

Bernard WiIlms: "Die politischen Ideen von Hobbes bis Ho Tschi Minh"; Kohlhammer, Stuttgart 1971; 292 S., Paperback, 19,80 DM.

Willms geht davon aus, daß den traditionellen Darstellungen politischer Ideengeschichte stets ein, wenn auch verschieden strukturierter, Begriff von Klassik und Klassizität, zugrunde liegt, der entweder Plato und Aristoteles als Schöpfer und zugleich Vollender der politischen Philosophie im Auge behält oder unausgesprochen von einer metaphysischen Annahme überzeitlicher Probleme samt deren optimaler Lösungen ausgeht. Gegen diesen Standpunkt setzt Willms als Ausgangsbasis die "Aktualität": Politische Denker sind ohne den ganz realen Kontext ihrer Zeit und Umgebung nicht auszudeuten.

Der gemeinsame Nenner ist in diesem Buch "Aufstieg und Bedrohung" des Bürgertums. Nach dem Zerfall einer mittelalterlichen Vorstellung vom Kosmos, in dem Mensch und Dinge vollständig und endzeitlich umfaßt sind, stand das Individuum vor der Aufgabe, sich eine neue Welt zu schaffen. Es begriff sich als Subjekt und die Umwelt als machbares, gestaltbares Objekt; das bürgerliche Subjekt war autonom – das heißt, es mußte sich selbst verwirklichen; es war subjektiv und schöpferisch, und es wurde, da es in einer machbaren Welt zwangsläufig materialistisch war, zu einem besitzenden Individuum.

Diese drei Momente, zum erstenmal bei Thomas Hobbes ausgebreitet, bestimmen nach Willms für nahezu drei Jahrhunderte "das bürgerliche Subjekt als epochale Idee". Aus ihnen leiten sich auch antibürgerliche Ideologien her, da gesellschaftliche Entwicklungen immer größeren Schichten die Möglichkeit nahmen, alle drei Prinzipien für sich zu verwirklichen. Obwohl der Autor selbst eingesteht, daß es sicherlich für jedes Einzelkapitel einen berufeneren Fachmann gibt, hat er ein kluges Buch geschrieben – lesenswert vor allem, weil es zum Widerspruch herausfordert. Theologen, Sozial- und Verfassungshistoriker können an manchen Stellen kritische Anmerkungen machen. Aber aufs Ganze gesehen, trägt die Annahme, daß mit Hobbes Mitte des 17. Jahrhunderts die Idee eines materialistischen und radikalen Bürgertums greifbar wird und existierende politische Theorien von diesem Ausgangspunkt her gemessen werden sollten, doch dazu bei, das politische Denken in der Neuzeit auszudeuten. H.B.