Bonn ist um eine Affäre reicher: Die Durchsuchung der Redaktions- und Verlagsräume der Illustrierten Quick und des Bauer-Verlags in Bonn, München und Hamburg am Mittwoch und Donnerstag voriger Woche erregte viel Aufsehen und Ärger. Offizielle Begründung für die Aktion: Verdacht auf Verwahrungsbruch und Bestechung.

Die Angelegenheit war ins Rollen gekommen, als das Bonner Finanzamt entdeckt hatte, daß der Bonner Quick-Korrespondent Paul Limbach seit 1969 keine Einkommensteuererklärungen abgegeben hat. Da der Fiskus ihn außerdem verdächtigte, Grunderwerbssteuer nicht gezahlt zu haben, wurde bei der vorgesetzten Oberfinanzdirektion Köln Ende 1971 ein Steuerfahndungsverfahren beantragt.

Die Finanzbeamten durchsuchten am 14. Juli Limbachs Büro und entdeckten im Safe mehrere Kopien des Rücktrittsbriefs von Karl Schiller an Bundeskanzler Brandt. Daneben lagen mehrere hundert Mark. Außerdem fanden sie Dokumente mit den Stempeln "Nur für den Dienstgebrauch" und "Vertraulich" sowie Aufzeichnungen über Schmiergelder, die an verschiedene ungenannte Personen gezahlt worden waren.

Nach Abschluß der Aktion gaben die Beamten der Bonner Staatsanwaltschaft einen Tip. Vier Tage später durchsuchten Staatsanwälte die Limbach-Räume, bemerkten, daß das Geld verschwunden war, ließen jedoch die Kopien des noch nicht veröffentlichten Schiller-Briefs liegen. Erst nach dem Abdruck des Schreibens glaubten sie, Zusammenhänge zwischen diesem Brief, dem Bargeld im Safe und den Papieren zu erkennen, die den Steuerfahndern aufgefallen waren.

Daraufhin erwirkte der Leitende Oberstaatsanwalt Pfromm die Durchsuchung der Quick-Räume in Bonn, München und Hamburg. Dabei fand man in der vorigen Woche Unterlagen, die – so Pfromm – den dringenden Verdacht der aktiven und schweren passiven Bestechung erhärten.

Die Unterstellung von Springer-Zeitungen und anderen, der Opposition nahestehenden Blättern, die Aktion sei von der Regierung oder einzelnen Regierungsmitgliedern veranlaßt worden, wurden sowohl vom Kölner Generalstaatsanwalt Drügh als auch von Regierungsseite zurückgewiesen. Drügh: "Der Staatsanwaltschaft Bonn sind weder von der Bundesregierung noch von der Landesregierung Nordrhein-Westfalen Anweisungen oder Empfehlungen zur Einleitung des Verfahrens und der im Verlauf dieses Verfahrens getroffenen Maßnahmen zugegangen." Bundeskanzler Brandt versicherte, die Regierung habe nichts mit der Aktion zu tun. Er bezweifelte indes, daß das Ergebnis der Ermittlungen im richtigen Verhältnis zum Aufwand stehe.

Nachdem die Opposition zunächst Kanzleramtsminister Ehmke als mutmaßlichen Hintermann der Affäre angegriffen hatte, wurde Anfang der Woche Karl Moersch zu ihrer Zielscheibe. Alfred Strothe, Vorsitzender des Zeitschriftenverlegerverbandes, erklärte, Moersch habe bei einem Gespräch am 22. Juni eine Änderung des Zeugnisverweigerungsrechts für Journalisten und Aktionen gegen zwei Verlagshäuser angekündigt, um die undichten Stellen im Regierungsapparat aufzudecken, die zur Veröffentlichung von Geheimunterlagen geführt hätten. Am Dienstag schwächte Strothe seine Behauptung ab.