Wenn Resozialisierung zum Schlagwort wird

Von Karl-Heinz Harenberg

Ich bin im Strafvollzug für das Prinzip der Sühne und der Abschreckung." Mit diesem klaren Bekenntnis zum Mittelalter hat sich der neue baden-württembergische Justizminister Traugott Bender zu einer Einstellung bekannt, die in unserem Lande so selten nicht ist. Neu daran ist nur, daß sich selbst einflußreiche Politiker – Richard (Kopf-ab) Jäger ausgenommen – wieder öffentlich dazu bekennen. Bisher wurden solche Äußerungen vorwiegend am Biertisch oder hinter der vorgehaltenen Hand getan oder – sie wurden ganz einfach praktiziert.

Wie sehr Theorie und Praxis auseinanderklaffen, haben jüngst die Ereignisse in der Hamburger Strafanstalt Fuhlsbüttel bewiesen. Die Hansestadt stand lange in dem Ruf, mit zu den Vorbildern für einen fortschrittlichen Strafvollzug zu gehören; Resozialisierung war in Amtsstuben und hinter Gefängnismauern ein gern und viel gebrauchtes Wort. Doch mit dem einen der beiden Häftlinge, die fünf Tage lang auf dem Anstaltsdach demonstriert hatten, stürzte auch der Nimbus ab und erlitt schwere Verletzungen.

Gerede von der weichen Welle

Schlagwort und Schlager auf der westdeutschen Vollzugsszene ist der Begriff "Resozialisierung". Er kennzeichnet eine deutsche Spezialität: nämlich den fatalen Hang dazu, den zweiten Schritt vor dem ersten zu machen. Sehr viel dringlicher ist vorerst die Forderung nach einem humanen Strafvollzug, Voraussetzung und zugleich Bestandteil eben jener Resozialisierung.

Das Hamburger Beispiel zeigt jedoch, daß humaner Strafvollzug für viele Menschen offenbar etwas Furchterregendes sein muß. Wie sonst läßt sich erklären, daß die Staatliche Pressestelle eilig eine Dokumentation über die Maßnahmen in der Haftanstalt Fuhlsbüttel zusammengestellt hat, in der der Öffentlichkeit versichert wird, die Reformen seien weder Zeichen einer "weichen Welle" noch Hafterleichterung, noch gefährdeten sie die Sicherheit der Hamburger Bürger. Was ist das Für eine Gesellschaft, die um ihren Schlaf gebracht wird, nur weil eine ihrer Gruppen menschlicher behandelt werden soll?