Hachette startet ein Nachrichten-Magazin gegen den Express – mit Express-Redakteuren

Frankreichs bekanntes Nachrichtenmagazin L’Express (Vorbilder: Time und Spiegel) bekommt Konkurrenz – von alten Freunden. Im September soll an den Kiosken die Nummer eins der neuen Wochenschrift Le Point angeboten werden. Chefredakteur des Anti-Express: Claude Imbert, im vergangenen Sommer noch in gleicher Funktion beim Express. An seiner Seite: acht weitere "Ehemalige" aus dem Hause Express, die im Juni 1971 unter viel Lärm und mit einer Abfindung von zusammen 3,5 Millionen Franc das Blatt des Linkspolitikers Jean-Jacques Servan-Schreiber verlassen hatten.

Herausgegeben wird Le Point (Startauflage: 150 000 Exemplare) von Hachette, Frankreichs Verlagshaus Nummer eins und auch international einer der Spitzenreiter der Branche. Bei Hachette erscheint bereits das Boulevardblatt France Soir, die auflagenstärkste Tageszeitung des Landes. Und unter den übrigen 50 Periodika des Hauses sind so bekannte Objekte wie die Frauenzeitschrift Elle und das Wirtschaftsmagazin Entreprise. Jedes zweite Buch, das in Frankreich verkauft wird, kommt aus dem traditionsreichen Hause Hachette.

Auf dem Sektor der Videokassetten hat Hachette nach einem teils heftig kritisierten Vertrag mit der staatlichen Rundfunk- und Fernsehanstalt ORTF praktisch ein Monopol. Dieses vielversprechende Geschäft mit der Audiovision verdankt Hachette vornehmlich seinem neuen Generaldirektor: Simon Nora (51), Spitzenbeamter klassischer Schule, bis zum vergangenen Herbst ökonomischer Chefberater von Regierungschef Jacques Chaban-Delmas.

Es gilt als ziemlich sicher, daß Servan-Schreibers abtrünnige Spitzenjournalisten mit Hilfe des gaullistenfreundlichen Hachette-Chefs Nora ein konservatives Kontrastprogramm zum linksliberalen Express aufziehen wollen. Chefredakteur Imbert versichert zwar: "Hachette hat von uns keinen Kniefall vor irgend jemandem verlangt." Die Mannschaft von Le Point läßt aber keinen Zweifel daran, daß man Servan-Schreibers Hausblatt möglichst viele Leser abspenstig machen möchte.

JJSS (so Servan-Schreibers populäres Markenzeichen), voreilig als politisches Wunderkind gefeiert, hatte eine Hausrebellion ausgelöst, als er vor Monaten den Express verstärkt zur publizistischen Basis für seine politischen Ambitionen machen wollte. Großmütig hatte JJSS zunächst erklärt, seine Tätigkeit als Abgeordneter von Nancy und Generalsekretär der Radikalsozialistischen Partei sei nicht mit einer bedeutenden Position beim auflagenstärksten französischen Politmagazin (über 600 000 Exemplare pro Woche) zu vereinbaren.

Doch bald gab Servan-Schreiber, selbsternannter Kandidat für den Präsidentensessel im Pariser Elysee-Palast, seine Zurückhaltung wieder auf. Als die elfköpfige Chefredaktion sich vergeblich gegen dieses unerwünschte Journalisten-Comeback zur Wehr setzte, quittierte sie kurzerhand den Dienst. Während Servan-Schreiber seine regelmäßigen redaktionellen Beiträge wieder aufnahm, fanden sich die Abtrünnigen fest geschlossen bei Hachette wieder, um Le Point vorzubereiten.