Es sieht schon sehr silbrig aus in seinem von Otl Aicher entworfenen Schutzumschlag, und ich kann verstehen, daß manche zunächst zusammenzucken: Um Himmels willen, da soll also den zu Olympischen Spielen anreisenden Athleten deutscher Geist dargereicht werden, in Silber nur darum eingeschlagen, weil Gold denn doch zu klotzig wäre, mit Geleitworten von Gustav Heinemann und Willi Daume, ein Buch also, das trotz gegenteiliger Beteuerungen der Vorwortschreiber sich des Anspruchs gar nicht erwehren kann, der Welt zeigen zu wollen, was deutscher Geist vermag.

Die Rede ist von der Anthologie "Deutsches Mosaik – Ein Lesebuch für Zeitgenossen", eine aktuelle Fortführung von Oskar Loerkes und Peter Suhrkamps "Deutschem Geist", von Siegfried Unseld und Dieter Hildebrandt im Suhrkamp Verlag herausgegeben, dieser Tage in drei Sprachen (Deutsch, Englisch und Französisch) und mit einer Gesamtauflage von 25 000 Exemplaren gedruckt, von denen 15 000 (Willi Daume hat es gegen erhebliche politische Widerstände durchgesetzt) vom Organisationskomitee der Olympiade an deren Teilnehmer verschenkt werden sollen, als einziges offizielles Geschenk.

Und nun werden die Kritiker kommen und Kritik üben. Wer, wie hier, aus den Tausenden möglicher essayistischer Beiträge zum Thema "Deutschland und die Deutschen" aus diesem Jahrhundert 52 ausgewählt hat, nimmt es mit all denen auf, die anderes ausgewählt hätten.

Den einen wird das hier vorgeführte Deutschland-Bild viel zu geschönt vorkommen. Von Wedekind bis Willy Brandt, über – um nur einige Höhepunkte anzuführen – Walther Rathenaus verblüffend hellsichtigen Aufsatz "Mechanisierung und Gesellschaft", Kurt Tucholskys "Prozeß Harden", Heinrich Manns "Bekenntnis zum Übernationalen", Thomas Manns Brief an den Bonner Dekan betreffend die Aberkennung seiner Ehrendoktorwürde sowie seine Rede über "Deutschland und die Deutschen", diese diskursive Fassung des "Faustus"-Romans, die Flugblätter der Geschwister Scholl, einige Flüchtlingsgespräche und ein späterer berühmter Brief von Bertolt Brecht: hier ist ein höchst respektables Deutschland versammelt und unter sich; das andere, das für die Welt sichtbarere, ist nur als das bekämpfte Gegenteil mittelbar zu erschließen. Und genau hier steigen die anderen Kritiker ein: schon jene, denen ein solcher Querschnitt viel zu harmvoll negativ ist, zu kritisch, zu links, um der Welt Auskünfte über Deutschland zu geben.

Mir will das alles ziemlich abwegig erscheinen. Auch ich hätte Bemerkungen zur Auswahl anzubringen, will aber der Kritik nicht vorgreifen, ich hätte vor allem neben dem vorhandenen biobibliographischen Anhang Sach-Erklärungen zu den oft von der Tagesaktualität ausgehenden Beiträgen für unerläßlich gehalten. Ich stelle mir nur vor: Da werden die Sportler nun wohl kistenweise mit Badeschaumessenzen, Teddybären, Bierkrügen, Porzellanfreiheitsglocken (Restposten) eingedeckt; hätte das NOK diesen Wertgegenständen noch einen Bildband über den schönen Rhein beifügen sollen? Oder: Ich käme zur Olympiade nach Mexiko und Japan, Ländern, von denen ich wenig wüßte, und man gäbe mir an Stelle von Nippeszeug eine derart selbstkritische, das heißt glaubwürdige, eine geradezu spannende Essay-Sammlung in die Hand, die fast Satz für Satz zu meinen Vorurteilen Stellung nimmt: Ich würde von diesem Land darum besser denken. Dieter E. Zimmer