Die Jusos sind gar nicht so

Bis 20

Hier sagen junge Leute, die nicht älter als zwanzig Jahre sind, ihre Meinung.

Von Walter Plassmann, 17 Jahre

Kommunisten! Anarchisten! Radikalinskis! Baader-Meinhof-Sympathisanten! Eine Auswahl schöner Schimpfwörter politisch Andersdenkender für die Nachwuchsorganisation der SPD, die Jungsozialisten. Doch die Benutzer dieser Ausdrücke beweisen dadurch nicht nur ihre andere politische Einstellung, sondern auch ihre Unkenntnis, denn die Jusos sind gar nicht so.

Die Jusos sind eine "Zwangsgemeinschaft". Wer Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands wird und wer nicht älter ist als 35 Jahre, der gehört automatisch zu den Jungsozialisten. Dies ist nicht selbstverständlich, man kann zum Beispiel Mitglied der Jungen Union sein, ohne der CDU anzugehören. Die große zahlenmäßige Überlegenheit der Jusos gegenüber anderen politischen Jugendorganisationen ist also leicht erklärbar.

Diese "Zwangsgemeinschaft" führt aber auch dazu, daß sich nicht jeder Juso als "Juso" fühlt und deshalb bei Aktionen der Jusos nicht mitarbeitet. Generell alle Jusos in Bausch und Bogen zu verdammen ist aus diesem Grunde falsch.

Weiterhin stimmt das sehr weit verbreitete Vorurteil, alle Jungsozialisten seien links, linker ginge es kaum noch, überhaupt nicht. Abgesehen davon, daß eine Begriffsdefinition von "links" von denjenigen, die dieses Wort gern als Schimpfwort benutzen, am wenigsten zu erwarten ist, trifft die Bezeichnung "ultralinks" nur auf einige wenige Jusos zu. Konkrete politische Arbeit wird nämlich von der "Basis", das heißt von den Juso-Arbeitsgemeinschaften in den Ortsvereinen geleistet. Dort arbeitet man kommunalpolitisch, an Lehrlings- und Schülerproblemen oder politischer Aufklärung. Daß diese Arbeit dem Bürger auch dazu dient, systemimmanente Konflikte klarzumachen und dadurch zu einer Verbesserung – nicht Umsturz! – des gesellschaftlichen Systems zu gelangen, ist wohl jedem einleuchtend.

Die Jusos sind gar nicht so

Dennoch, an der Basis, wo hart gearbeitet wird, wird selten von "Revolution" gesprochen. Ein aufmerksamer Leser einer Lokalzeitung wird feststellen, daß, wenn in seinem Ortsbereich eine Juso-AG besteht und diese arbeitet, sich die Jungsozialisten nicht mit Revolution, sondern mit konkreten Problemen beschäftigen und diese auch oft aus der Welt schaffen können.

Und noch etwas: Nicht zuletzt den Jusos ist es zu verdanken, daß eine innerparteiliche Diskussion entfacht wurde, die sich unter anderem damit befaßt, was das Wort "sozial" im Parteinamen eigentlich bedeutet. Denn man hat manchmal den Eindruck, daß Asos (Altgenossen) gar zu gerne dieses Wort übersehen und auch die klassenkämpferische Vergangenheit ihrer Partei am liebsten vergessen machen würden.

Zugegeben, so ganz unrecht hat der eingangs zitierte "Schreier" nicht. Es scheint nämlich so, als ob die Genossen, die glauben, dadurch Karriere machen zu können, daß sie Parteifunktionären durch ihr pseudorevolutionäres Vokabular Angst machen, nicht aussterben.

Die eigentliche politische Arbeit aber wird nicht beim Theoretisieren über StaMoKapi (Staats-Monopol-Kapitalismus) und verfälschte Marx-Ideologie geleistet, sondern beim Arbeiten an einem konkreten Problem im kommunalen Bereich. Leider übersieht dies der einfache Bürger allzu leicht.